Von Petra Kipphoff

Neulich träumte mir, ich säße an meinem Schreibtisch, und finge an, einen Aufsatz für die Festschrift zu Werner Hofmanns 60. Geburtstag zu schreiben. Er sollte den Titel tragen "Das irdische Paradies und die Folgen für die Kunst". Aber ehe ich noch das erste Wort aufsPapier gebracht hatte, geriet mein Schreibtisch, der mit Büchern, Schriften und Katalogen von Werner Hofmann beladen war, in seltsame Unruhe. Dieser überlange Tisch nämlich, dessen rückwärtiger Teil aus sechs hochstellbaren Pulten besteht, war auf einmal von heftigem Aufruhr bewegt. Die Pulte klappten geräuschvoll in die Höhe und stellten sich eins nach dem anderen auf. Und mein hamburgisches Bibliothekszimmer schien auf einmal verwandelt in ein Spuk- und Zauberzimmer aus E. T. A. Hoffmanns Novellen.

Kaum nämlich hatten sich die Pulte hochgestellt und war der Riegel in ihrem Rücken mit einem Klick arretiert, da fingen die Kataloge und Bücher auch schon an, wild durcheinander zu rumpeln, sich aufzurichten und in einem Wettlauf den sechs Pulten zuzustreben. Nach ein paar Sekunden war der Spuk vorbei, und so, als sei es immer so gewesen, lagen da sechs Kataloge fein nebeneinander aufgereiht: "Nana – Mythos und Wirklichkeit", "Ossian und die Kunst um 1800", "Kunst – was ist das?", "Caspar David Friedrich", "Runge in seiner Zeit", "Luther und die Folgen für die Kunst".

Was war das für ein Arrangement, für eine Auswahl? Keine Auswahl, sondern ein weites Feld! Nana, Ossian, Friedrich, Runge, Luther – was ist das?

Ein junges Mädchen stand plötzlich im Raum, seidenes Mieder, spitzenbesetzter Unterrock, hochhackige Schuhe, eine Puderquaste in der Hand, durchgedrücktes Kreuz, der Blick frech und nachdenklich zugleich; ein älterer Herr im Frack und Zylinder saß hinter ihr auf einer Chaiselongue, der Blick gierig und doch wie gelähmt. Würde Olympia gleich anfangen zu tanzen? Oder war es die Kurtisane Giulietta? Und der Herr auf dem Sofa? Der Zauberer Spalanzani oder der Rat Krespel?

Aber nein, nicht Hoffmanns Erzählungen waren angesagt, sondern Hofmanns Erläuterungen. Nana hieß die junge Dame von Manets Gnaden.Und der Kopf wurde wieder frei, der Blick klar bei dem Text: "Ein Kunstwerk ist einem Stern vergleichbar, der sich verschiedenen möglichen Konstellationen einfügen läßt. Was es aussagt, hängt von den Deutungsmustern ab, die wir ihm entwerfen, also von den Bezugssystemen, in die wir es stellen. Setzt man nicht auf Kriterien der Ausdruckskraft, mißt man Kunstwerke nicht an ihren mimetischen Qualitäten oder gar an einem Schönheitsideal, dann bieten sich als Gradmesser des objektiven Ranges die Bedeutungsebenen an – als These formuliert: Je mehr Bedeutungsebenen durch ein Kunstwerk gelegt werden können, desto stärker ist dessen Substanz. Unsere Ausstellung stellt da einen ersten Versuch dar. Sie ist bestrebt, das singuläre Faktum eines berühmten Gemäldes zu öffnen, indem sie es an möglichst vielen zum Teil ungewöhnlichen Bezugssystemen teilnehmen läßt... unser Bild veranschaulicht einmal den Abstieg und die Zersetzung des seit der Renaissance gültigen Würdebegriffs der Hochkunst – also alle Konventionen, die von der Würde der Form und des Inhalts handeln – und zum anderen den Aufstieg (die Nobilitierung) von trivialkünstlerischen (subkulturellen) Vereinbarungen auf die Ebene der Hochkunst."

Ich wollte gerade versuchen, diese Wege zum Stern des Kunstwerks zu erproben, aber da fiel ein wie durch Nebel milchig gewordener Strahl auf das zweite Pult von links, auf dem der "Ossian"-Katalog lag, der wie von einem Luftzug bewegt und aufgefächert wurde. Jean-Auguste-Dominique Ingres’ "Der Traum Ossians" stand vor meinen Augen, eine große Szene von zarter und kühler Entrücktheit. Ossian hat die Arme auf das Instrument gelegt, den Kopf in die Arme, ein fernes Licht holt seinen Traum aus dem Dunkel der Phantasie: eine entmaterialisierte Welt entrückter Gestalten, ein jenseitiger Wohlklang fließender Formen über fahlen Farben. "Ossian", so hatte der junge Werther einst bekannt, "hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch’ eine Welt, in die der Herrliche mich führt, zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden Lichte des Mondes hinführt..." Dampfende Nebel? Die klare Stimme von Werner Hofmann, ein zarter Hauch von Schubert in der Intonation, kam aus dem Dunkel: "Wie jedes Bild bietet Ingres’ Traum Ossians seinen Interpreten mehrere Bezugsfelder zur Wahl. Drei davon seien herausgegriffen. Erste Frage: welchen Platz nimmt das Bild im Gesamtwerk des Künstlers ein? Zweite Frage: wo steht es innerhalb der Kunst seiner Zeit, der europäischen Malerei um 1800? Für diesen synchronen Kontext wählen wir als Bezugsachse das Thema des Traumes. Schließlich wird nach dem diachronen Kontext des Bildes gefragt. Als Bezugsachse dieser Frage bietet sich das Motiv des Sitzenden an, der den Kopf in seinen Händen verbirgt."