Von Christoph Bertram

Was soll aus Europa werden? Schon einmal, in den sechziger Jahren, stritten die Gaullisten gegen die Supranationalen, die Anhänger eines "Europa der Vaterländer" gegen die Bannerträger der "Vereinigten Staaten von (West-)Europa". Lange Jahre war dann der Streit um die künftige politische Form Europas von einer dicken Schicht pragmatischer Politik zugedeckt. Aber nun bricht er wieder auf. Und diesmal sind nicht nur die Europäer im Westen, sondern auch die im Osten an dem Nachdenken beteiligt.

Michail Gorbatschow, der große Aufräumer, schwärmt vom "gemeinsamen europäischen Haus". Dahinter steht ein ganzer Strauß von Motiven: Gorbatschow will für sein rückständiges Land Anschluß finden an westliche Modernität und zugleich Einfluß auf den europäischen Gestaltungsprozeß gewinnen. Ob denn, so hat er Außenminister Genscher bei ihrem letzten Gespräch besorgt gefragt, der westeuropäische gemeinsame Markt und gar eine verstärkte militärische Koordination zwischen den Staaten Westeuropas noch mit der Nachbarschaft im gemeinsamen Haus vereinbar sei?

Charles de Gaulle, der den Slogan "Europa vom Atlantik bis zum Ural" erfand, hätte an dieser Vision manches behagt; der große General wollte die Spaltung Europas überwinden, die "doppelte Hegemonie" der beiden Weltmächte zurückdrängen und zugleich Deutschland unter Kuratel halten. Seine Nachfolger in Paris können damit heute nicht mehr viel anfangen. Ihre Vision ist das "gemeinsame Haus Westeuropa Nur so lasse sich die Stabilität in Europa wahren, nur so die wachsende politische Muskelkraft der Westdeutschen einbinden.

Den Mantel de Gaulles dagegen legt sich ausgerechnet die britische Premierministerin um die Schultern. Aber sie ist eher ein de Gaullechen. Von der gesamteuropäischen Vision des Generals ist nichts übriggeblieben. Margaret Thatcher träumt eher von dem "gemeinsamen atlantischen Haus", in dem die Briten und die Amerikaner ein gedeihliches Dauerverhältnis pflegen. Gaullistisch ist nur ihre Vorstellung von Westeuropa: Da will sie von einer politischen Union, die die alten Nationalstaaten zu einer neuen politischen Einheit verschmilzt, nichts wissen. Daraus würde nichts, nicht zu ihren Lebzeiten – "ich hoffe, nie".

Die Bundesrepublik schließlich weiß nicht so recht, wie sie in diesem Chor mitsingen soll. Helmut Kohl ist vielleicht der letzte überzeugte (West-)Europäer an der Spitze der bundesrepublikanischen Politik; die "Europäische Union" ist die einzige wirkliche Vision dieses sonst kaum mit politischer Phantasie begabten Machtmenschen. Aber Kohl kennt auch die Europa-Trägheit seiner Landsleute und paßt sich an. Der gemeinsame Binnenmarkt der EG wird da nicht als strategischer Sprung in eine auch politisch engere Verzahnung Westeuropas gefeiert, sondern vornehmlich als volkswirtschaftliches Ereignis: Wachstumsimpulse soll er bringen, Arbeitsplätze schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit Westeuropas stärken.

Kohls Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist zwar auch für die Westintegration. Sie ist für ihn, wie er in seiner Potsdamer Rede Anfang Juni erklärte, die "tiefgreifendste Verbindung zwischen Staaten, die denkbar ist, die Verbindung der Werte". Zugleich aber betont er, wie kaum ein anderer: "Europa – das ist das ganze Europa." Manchmal scheint es sogar, als habe Genscher sich noch nicht entschieden, ob ihm die Schlußakte von Helsinki oder der Vertrag von Rom wichtiger ist. Er schafft den Prioritätenkonflikt zwischen beiden aus der Welt, indem er ihn leugnet. Die Westintegration ist für ihn eben ein Mittel, um auch in "ganz Europa" voranzukommen. Gorbatschow hat er auf dessen Frage geantwortet: "Unsere Verankerung im Westen bildet die Voraussetzung der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion", in der EG werde die Bundesrepublik als starke Kraft eine aktive Rolle für das Verhältnis zwischen Ost und West übernehmen.