Klagen eines Grenzgängers, der seine Heimat nicht verlassen will

Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im August

Die DDR verändert sich", sagt er, "ob unsere Kings das wollen oder nicht. Immer mehr machen rüber, und wenn du irgendwohin kommst, wo du ’ne Weile nicht warst, dann ist wieder einer weg, man fühlt sich plötzlich ganz fremd. Und es sind die guten Leute, die gehen, es bleiben die Mittelmäßigen, und mit Mittelmaß kannste natürlich keinen Staat machen. Aber die alten Männer im Politbüro sehen das nicht, die begreifen nicht, daß sich was ändern muß. Die glauben immer noch, sie hätten die beste DDR der Welt und hätten immer schon alles besser gemacht als die Freunde in Moskau. Aber gerade deswegen woll’n immer mehr raus, die haben nur wenig Hoffnung, daß es bei uns neue Tapeten gibt."

Der junge Mann aus der DDR spielt damit auf eine Äußerung des Politbüro-Mitglieds Kurt Hager an, der im April vorigen Jahres Glasnost und Perestroijka in der DDR mit der Begründung abgelehnt hatte, man tapeziere ja nicht deshalb seine Wohnung neu, weil der Nachbar dies tue. Selten hat jemand in der DDR mit einem so kurzen Satz so viel Schaden angerichtet. Fast in jedem Gespräch mit DDR-Bürgern oder Übersiedlern taucht die Tapeten-Metapher auf und dient als Begründung für enttäuschte Hoffnungen, Rückzug ins Private oder Ausreiseantrag. Wie viele Ausreiseanträge den DDR-Behörden vorliegen, weiß niemand genau; 200 000 sind es mindestens, Schätzungen reichen bis zu einer knappen Million.

Was rauskommt, ist meistens Zero

"Die Stimmung war schon lange nicht mehr so schlecht. Kaum einer ist noch interessiert, für den Staat was zu tun, alle sind beschäftigt mit der Organisierung des eigenen Lebens, und da biste auch voll mit ausgebucht, mußt unheimlich wuseln. Zu offiziellen Meetings geht keiner, den sie nicht total an der Kette haben. Nicht mal die jungen Leute wollen noch was ausprobieren, weil du doch abgeschmettert wirst. Nur noch frühe Heirat und kleines Glück, Wohnung, Auto, Westklamotten, Westvideos – irgendwie sind die alle schon vergreist."