Von Sabine Rosenbladt

Vermutlich wird der Heilige Franz seine Finger im Spiel gehabt haben. (Franciszek, wie er hier genannt wird, unterhält schon seit geraumer Zeit seine eigene Bürgerinitiative in Krakau, die "ökologische Bewegung des Hl. Franziskus von Assisi", von jungen Mönchen gegründet.) Für Vogelwunder ist er zuständig. Und so geschah es, ausgerechnet hier im "Städtischen Amt für Umweltschutz und Wasserwirtschaft daß, genau in dem Moment, in dem Doktor Kaminski sagte: "Ich bin Atheist und Kommunist, aber der Papst hat sehr gute umweltpolitische Ideen, das muß ich wirklich anerkennen – ", daß genau in diesem Moment ein Vogel durchs geöffnete Fenster rauschte und sich in der Tüllgardine verhedderte.

Bronislaw Kaminski befreite das Tierchen, rückte sich den Schlips zurecht und strahlte. "Sehen Sie, in Polen ist das Unmögliche grundsätzlich möglich. Warum also nicht aus Krakau eine gesamteuropäische Umwelt-Modellstadt machen? Krakau ist eben der Härtetest. Wenn wir diese Stadt wieder auf die Beine stellen können, schaffen wir den Rest auch." Dann beugte sich der Amtsleiter wieder über seine Graphiken. Die Kontamination mit Blei war blau schraffiert, Fluor grün, Cadmium gelb.

"Der Papst? Hat er tatsächlich gesagt, der Papst?" Zygmunt Fura lag in seiner nahezu unmöblierten Wohnung platt auf dem Bauch und lachte schallend. Er befand sich in dieser Stellung, um den Spätnachrichten von Radio BBC zu lauschen, wo er gerade wieder einmal interviewt worden war. Ein Besessener, dieser Mann. Frau und Kind waren schon vor Jahren ausgezogen und hatten den Broschüren, Pamphleten, Videos und Flugblättern das Feld überlassen. So konnte sich Zygmunt gänzlich ungestört nur noch seinem verrückten Ziel widmen: Krakau wieder auf die Beine stellen – und aus der Stadt ein Zentrum für Umweltgruppen aus Ost und West machen.

Krakau heute spottet jeder Beschreibung. Die Weichsel, die Polens ehemalige Hauptstadt durchfließt, hat hier bereits eine stumpf-modrigbraune Konsistenz angenommen. Bei Westwind wehen Stäube und Abgase in unvorstellbaren Mengen aus dem siebzig Kilometer entfernten Oberschlesien herbei. Dreht der Wind, bringt er Luftaustausch aus Nowa Huta im Osten, wo die Leninhütte neben Stahl jährlich 400 000 Tonnen Kohlenmonoxid, 60 000 Tonnen Staub und 50 000 Tonnen Schwefeldioxid produziert. Ist es windstill – 135 Tage im Jahr – steht die Giftglocke: Dann sinkt in Krakaus Altstadt der Sauerstoffgehalt von (normal) 21 Prozent auf 17 Prozent ab – wer kränkelt, für den wird die Atmosphäre buchstäblich mörderisch. Denn das Konglomerat aus Gasen, Stäuben, schwefligen Säuren ist derart ätzend, daß es in periodischen Abständen sogar das goldene Dach der Sigismund-Kapelle auf dem Wawel zerfrißt, wo Polens Könige begraben liegen. Den Denkmalpflegern bröckeln die Gebäude des mittelalterlichen Stadtkerns schneller unter den Händen weg, als sie restauriert werden können.

Viele Krakauer haben – da der menschliche Organismus sich ebenfalls als nicht robust genug erweist – Allergien, chronische Bronchitis, degenerativen Knochenschwund, Herz- und Kreislaufkrankheiten; sie haben doppelt soviel Lungenkrebs wie Polen in unbelasteten Gebieten und eine um drei bis vier Jahre kürzere Lebenserwartung. Unter Kinderärzten wird die These "Flüchten oder Standhalten" diskutiert: Zwei von fünfzig Krakauer Säuglingen überleben das erste Lebensjahr nicht, Mißbildungsrisiko und Fehlgeburtenrate sind hoch. Deshalb empfehlen einige Kinderärzte, bei den ersten Anzeichen von Schwangerschaft die Stadt zu verlassen und in "Reinluftgebieten" niederzukommen. Andere wiederum raten, gerade auszuharren; das Kleine soll sich – "Nur der Stärkste überlebt" – vom ersten Atemzug an ans schwefelsaure Mikroklima gewöhnen.