Von Christina Weiss

Die einfachsten Dinge, die Gegenstände, die noch am wenigsten von vorgefaßten Meinungen besetzt sind – den Kieselstein zum Beispiel, das Moos, die Seife oder die Zigarette – wollte er mit Wörtern begreifen lernen, ihren Eigen-Sinn zum Klingen bringen. Zugleich sollten die von vielen "unreinen Mündern" abgenutzten Wörter in der Benennung einfacher Dinge wieder nuancenreich und ausdrucksfähig werden.

Francis Ponge starb am 6. August 1988 in Südfrankreich. 1933 schrieb der damals 34 Jahre alte Schriftsteller ein Plädoyer für seine Dichtung der Dinge, die ihn berühmt gemacht hat, in einen Text mit dem ebenfalls programmatischen Titel "Einführung in den Kieselstein":

"Ich empfehle jedem die Öffnung innerer Falltüren, eine Reise in die Dichte der Dinge, eine Invasion an Eigenschaften, eine Revolution oder einen Umsturz, vergleichbar jenem, den der Pflug oder die Schaufel hervorgerufen, wenn plötzlich und zum ersten Mal Millionen von Stückchen, Spreublättchen, Wurzeln, Würmern und kleinen Tieren, du bisher verborgen waren, ans Tageslicht gebracht werden. O unendliche Hilfsmittel der Dichte der Dinge, zurückgegeben durch die unendlichen Hilfsmittel der semantischen Dichte der Worte!"

In Montpellier wurde Francis Ponge am 27. März 1899 als Sohn eines Bankdirektors in eine alte provenzalische Hugenottenfamilie geboren und verbrachte den größten Teil seiner Gymnasialzeit in Caen, dem Geburtsort von François Malherbe. Das hatte späte Folgen: 1965 publizierte er eine 330 Seiten umfangreiche Werkstattdokumentation "Pour un Malherbe". Ponge versammelte in diesem Band das gesamte Material seiner Beschäftigung mit dem Vater der französischen Klassik, seine Notizen, Entwürfe, Vorstudien, Varianten und tagebuchartigen Improvisationen zu Malherbe zeichen über ihren Gegenstand weit hinaus, indem sie eine Standortbestimmung des eigenen literarischen Schaffens einkreisen und nach der Rolle der Literatur überhaupt fragen.

Ponge brach sein Studium der Literatur und der Rechtswissenschaft ab und arbeitete jahrelang als kleiner Angestellter. Die Erbärmlichkeit dieser Phase, die ihm täglich nach Feierabend nur wenig Zeit zur schriftstellerischen Aktivität ließ, beschreibt Ponge drastisch: "Mit einer Holztreppe, die seit 30 Jahren nicht mehr gebohnert wird, im Dreck der zur Tür hinausgeschnippten Zigarettenkippen, umringt von einem Gleitzug kleiner Angestellter, die auf dem Kopf die Melone, in der Hand die Tasche mit dem Eßgeschirr, ebenso knickrig wie bösartig sind, beginnt zweimal am Tag unser Scheintod. Dämmerlicht herrscht im Inneren dieser baufälligen Schnecke, wo Sägespäne des beigefarbenen Holzes durch die Luft wirbeln. Beim Geräusch der müde von Stufe zu Stufe um eine schmutzige Achse in die Höhe schlurfenden Schuhe nähern wir uns wie die Kaffeebohnen dem zermalmenden Räderwerk."

Francis Ponge kämpfte als Gewerkschaftsdelegierter und als Kommunist gegen diese Arbeitsbedingungen und wurde 1937 wegen der Organisation eines Streiks entlassen, 1942 schloß er sich dem kommunistischen Widerstand an und arbeitete für die Presse der Resistence. 1942 erschien auch sein wichtigstes Werk "Le Parti Pris des Choses", seine Ding-Prosastücke, die auf deutsch unter dem Titel "Im Namen der Dinge" herauskamen.