Von Klaus-Peter Schmid

Immer im tiefsten Sommerloch ruft Staatssekretär Otto Schlecht die Journalisten zur Konjunktur-Betrachtung ins Wirtschaftsministerium. Diesmal war es der 8.8.88, und nach Schlechts Informationen steht die Zahl 8 für "Glück, Harmonie, Erfolg und Fruchtbarkeit".

Ein trefflich gewähltes Datum. Denn von der deutschen Konjunktur gab es lange nicht mehr so viel Positives zu berichten wie in diesem Sommer. Die "Schwarzmaler" hätten ganz schön danebengelangt, konstatierte Schlecht und erinnerte an die düsteren Prognosen nach Börsenkrach und Dollarsturz im vergangenen Herbst. Als die Bundesregierung zum Jahresbeginn eine Wachstumsrate von eineinhalb bis zwei Prozent vorausgesagt hatte, sei ihr noch "unverantwortliche Schönfärberei" vorgeworfen worden.

Richtig ist, daß sich die Wirtschaft in der Bundesrepublik gegenüber den externen Belastungen des vergangenen Jahres unerwartet stabil gezeigt hat. Da Binnennachfrage und Außenhandel gleichermaßen florieren, ist das Fundament für ein weiteres Wachstum erstaunlich breit. So breit, daß die Bundesregierung eine Zuwachsrate des Bruttosozialprodukts 1988 um real bis zu drei Prozent erwartet. Schlecht: "Eine Drei vor dem Komma liegt durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen." Bestätigung für diesen Optimismus lieferte sogar das traditionell zurückhaltende Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das jetzt auf ein Plus von 2,5 Prozent tippt.

Richtig ist aber auch, daß sogar der Berufsoptimist Martin Bangemann seine Zweifel hatte. Im vergangenen November schrieb er an seinen Kabinettskollegen Gerhard Stoltenberg einen Brief, in dem er gleich im ersten Satz die "Gefahr rezessiver Entwicklungen in der Welt und bei uns" beschwor. Und FDP-Wirtschaftsexperte Otto Graf Lambsdorff sinnierte: "Ich sehe zwei Jahre heraufziehen, in denen wir es wirtschaftlich schwieriger haben werden, als wir es bisher erwartet haben. Das ist eine sehr zurückhaltende und sehr vorsichtige Formulierung."

Die Politiker waren in guter Gesellschaft. Zur Jahreswende verkündete das der Industrie nahestehende Institut der deutschen Wirtschaft: "Der deutschen Wirtschaft droht eine Phase der Stagnation." Noch im Mai schrieb die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank: "Das Risiko eines Abschwungs ist gegenwärtig zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben." Geschätztes Plus beim Sozialprodukt: mäßige 1,7 Prozent, ein Zehntel mehr als 1987.

Schlecht hält den Pessimisten "aus Politik, Wirtschaft, Publizistik und auch Wissenschaft" vor, sie hätten sich blamiert. Mag sein. Nur: Warum die Konjunktur plötzlich über Erwarten gut läuft, ist fast genauso schwer zu erklären wie der Kollaps der Börsen im Herbst vergangenen Jahres. Niemand vermag mit Sicherheit zu sagen, was den plötzlichen Stimmungswandel ausgelöst hat. Daß er eine Realität ist, zeigen die Fakten: