Von Fritz J. Raddatz

Was für ein wunderliches Buch! Durchsichtig und uneinsehbar zugleich, gläsern zart wie die schönsten Gedichte der Sarah Kirsch und auch rokokohaft verzärtelt. Es hat die Kraft der Literatur, uns zu verzaubern, uns jenen schillernden Traum voranzugaukeln, den man als Kind erhaschen wollte, wenn die Seifenblasen wegtanzten; und es sprengt mit lauter winzigen, harten Schrotflintenkugeln Löcher in diesen Traum – da grimassiert dann Wirklichkeit. Diese Spannung von (zumindest) zwei Ebenen deutet schon der Titel an. Er benennt ein bekanntes Märchen – aber dreht das mit dem Untertitel "Eine Chronik" ins Irdische.

Manchmal gelingt es Sarah Kirsch, in zwei Sätzen diese beiden Ebenen ganz eng ineinanderzuschieben: "Es würde alles wie im wirklichen Leben geschehen. Liebte den aufsteigenden Dunst über dem Moorland sehr, welcher den Sonnenklumpen verwackeln ließ." Das "wirkliche Leben" also – und das Gespinst der Landschaft Schleswig-Holsteins. Dort, auf dem Lande, lebt Sarah Kirsch seit ihrer Übersiedlung aus der DDR, die sie einmal (bewußt auf Uwe Johnson anspielend?) bloß einen Umzug nannte. Das Buch beginnt mit einer Hommage an diese Landschaft, und wer sie kennt, gar auch liebt, weiß, wie "richtig" diese Schönheit beschrieben ist: "Wo wir sind, hat es am Morgen geregnet, weshalb die Wolken leicht und hellgrau umherfliegen können, und ich höre das Rauschen heimischer Pappelblätter, sehe den Himmel kurzweilig aufreißen, wobei jenes Türkisgrün zum Vorschein gelangt, das meinen Herzschlag verfünffacht."

Ganz unmerklich aber gibt es Bodenverwerfungen: Schleswig-Holstein wird zu Mecklenburg, und Sarah Kirsch steht nicht mehr bei den schwarzen Lämmern, wo sich das Licht um die Ränder der Wasserlöcher krümmt – sie sitzt vielmehr bei Christa Wolf im Garten. Die DDR nämlich – bis zu jenen "Ereignissen, welche aus der Entfernung von heute im absurden Lichte erscheinen", also: der Übersiedlung nach der Biermann-Affäre – ist unentwegt präsent. Die Schrotflintenkugeln ...

Das ist das Spannende, auch sehr Kunstvolle an Sarah Kirschs kleiner "Chronik". Sie ist nicht beschaulich, sondern betrachtend. Ihre "mehrere Leben" sind Produkt der mehrerlei Deutschland. Das will mitgelesen sein, wenn immer wieder von Christa und Gerhard (Wolf) die Rede ist, wenn einem Gewitterblitz gleich die Idylle gesprengt wird und ein Gulag-Gemordeter "auftritt": "Stus also ist tot, und eigentlich sollte ich froh darüber sein, weil sie ihn jahrelang geschunden haben, da er der Pfahl in ihrem Fleisch war, und Majakowski und Jessenin erwarteten ihn mit einem Trommelrevolversalutschuß, und anschließend erschossen sie sich wieder und wieder, und sie haben wie Pferde im Ersten Weltkrieg gelacht und mit Stus auf den Planeten herunter gesehen, tief ins verschneite Sibirien rein, wo er die jahrhundertealten Wegspuren der Gefangenen leuchten sah."

Dahinter steht ein anderer Schreibimpuls als bei "west-westlichen" Autoren; auch wenn Kritikerkollegen diese (meine) Lesart lächelnd abwehren: Es ist ein Spezifikum von Autoren, deren Biographie mit der DDR verbunden ist, historische Erfahrung einzubinden – sei es in eine Liebesgeschichte (wie bei Jurek Becker), in einen Film (wie bei Thomas Brasch), in einen Tatort-Krimi (wie bei Erich Loest) oder eben gar in Landschaftswortmalerei wie bei Sarah Kirsch in diesem Buch.

"Ich lebe von der Entdeckung, von der Eroberung immer neuer Landschaften; ich erobere sie mir dann auch schreibend", hat sie 1979 in einem Gespräch gesagt; aber – im selben Gespräch – auch von ihrer "literarischen Erziehung" gesprochen: "Gerhard Wolf hat uns von den großen philosophischen Themen ferngehalten und uns beigebracht, über die Sachen zu schreiben, die uns umgeben, die wir wirklich kennen. Das war der sogenannte "kleine Gegenstand’, wie es dann bald unter Germanisten hieß. Und wir machten Gedichte über die kleinen Gegenstände, über ein Frühstück oder über das Aufwachen, über den Marktplatz von Halle und dergleichen."