Von Dietrich Strothmann

Der Abend brachte es an den Tag. Beinah ein Jahr lang sendete das jordanische Fernsehen aus Amman regelmäßig auch den Wetterbericht für das besetzte Westjordanland, unterlegt mit Photos von Jerusalem, Ramallah, Nablus und Hebron. Das Signal war verständlich: Wir gehören zusammen! Nur. vierundzwanzig Stunden nach der spektakulären Erklärung König Husseins über die Trennung Ostjordaniens von seinem Westteil schalteten auch die Fernsehverantwortlichen um: Seit dem 1. August meldet Amman nur noch das Wetter für das Territorium östlich des Jordan.

Dies war nur der erste Streich nach dem bitteren Beschluß des Monarchen. Die nächsten folgten Schlag auf Schlag: Auflösung des Ministeriums für die besetzten Gebiete, des gemeinsamen Parlaments und des Komitees zur wirtschaftlichen und technischen Zusammenarbeit, Kündigung des gerade angelaufenen Entwicklungsplans für den anderen Teil des Königreichs, Streichung der Gehälter für die meisten der über 20 000 Beamten und Angestellten in Westjordanien. Das "Vereinigte Arabische Königreich" Jordanien, 1950 aus der Taufe gehoben, existiert nicht mehr. Der König hat sich in die Wüste zurückgezogen.

Beginnt nun, nach der vermutlich endgültigen, kaum noch korrigierbaren Sezession des Ostteils vom Westteil Jordaniens ein neuer Kampf um Palästina? Wer wird ihn führen, wie wird er enden? Das Ringen um diesen schmalen Streifen Land zwischen Mittelmeer und dem Jordan, Kampfplatz von Herrschern und Heeren schon seit vielen Jahrhunderten, hatte in den letzten 40 Jahren immer wieder dramatische Formen angenommen. Vier Kriege wurden seit 1948 um dieses Stück Territorium geführt, Gewalt und Gegengewalt werden erst jetzt wieder, in dem bereits acht Monate andauernden Aufruhr der Palästinenser unter israelischer Besatzung, um seinen Besitz geübt. Lösungsmodelle gab es zuhauf, Verhandlungen ohne Zahl und Ziel. Palästinas Zukunft, ein Land, um das zwei Völker in blutigem Streit liegen, Juden und Araber, ist wie ein Kampf, ohne Ende.

Der jordanische König entschied: Von nun an soll die Palästinensische Befreiungsfront unter ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat die Geschicke Westjordaniens selbst und allein in ihre Hände nehmen. Sollen sich andere den Mühlstein um den Hals legen! Der israelische Ministerpräsident Jitzhak Schamir frohlockt: Nun sei erwiesen, daß es kein palästinensisches Volk gebe, nachdem der Monarch die ostjordanischen Palästinenser, seine Staatsbürger, von den westjordanischen Palästinensern "rechtlich und administrativ" abgespalten habe. Und schon kursiert in Arafats Agenturen der Plan, eine Exilregierung einzusetzen und die Unabhängigkeit eines Staates Palästina im Westjordanland auszurufen. Rechtsradikale Parteien in Jerusalem plädieren für die formelle Annexion des seit 1967 besetzten Gebietes durch Israel. Palästinensische Option gegen israelische Option – ist das die nächste Runde im Kampf um das gelobte, geschundene Land?

Auf jeden Fall hat König Hussein mit seinem rigorosen Schwertstreich drei Lösungskonzepten den Todesstoß versetzt: der jordanischen Option des israelischen Außenministers Schimon Peres, zugleich Führer der Arbeiterpartei, der mit Hussein "Gebiete gegen Frieden" eintauschen wollte; dem Friedensplan des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, der im Rahmen einer internationalen Konferenz Kompromiß-Abmachungen zwischen Jerusalem und Amman anstrebte; und der Verhandlungsidee Jassir Arafats, der mit Hilfe des Monarchen, des ehemaligen Kriegsgegners Israels, eines späten Tages doch noch seinen Staat am Jordan, an Jordanien angeschlossen, ausrufen wollte. Von nun an will Hussein kein Partner mehr für erträumte Fernziele und erhoffte Friedenschancen sein.

Alle Beteiligten hatten in den vergangenen Jahren zur Lösung des "ewigen Streites" um Rest-Palästina viel investiert. Nachdem König Hussein die palästinensischen Partisanen zwischen 1970 und 1971 in einem blutigen, rücksichtslosen Duell aus seinem Land vertrieben hatte, wo sie bereits einen Staat im Staate bildeten, bemühte er sich in monatelangen, intensiven Gesprächen, Jassir Arafat auf ein realistisches, auch von Washington akzeptiertes Konzept einzuschwören: Annahme der wichtigen UN-Resolutionen 242 und 338, Absage an den Terror, Anerkennung Israels. Im letzten Augenblick aber verweigerte der PLO-Führer, bedrängt von der "Verweigerungsfront" innerhalb seiner auseinanderfallenden Organisation, die Unterschrift unter die Vereinbarung. Arafat, der sich immer noch rühmte, in der "einen Hand das Gewehr, in der andern den Ölzweig" zu halten, mußte sich damals von dem enttäuschten, entnervten König vorwerfen lassen: Sein Wort sei nichts wert. Die Palästinenser sollten sich eine andere Führung suchen.