Von Reiner Klingholz

Roald Sagdejew ist ein gefragter Mann. Mal hält der Raumfahrtexperte den Kremlchef Michail Gorbatschow in SDI-Fragen auf dem laufenden, mal tingelt er als Friedenslobbyist durch die Welt und läßt kaum eine größere Tagung aus, auf der Wissenschaftler für Abrüstung und gegen den Atomkrieg streiten. Nebenbei geht der Forscher auch noch seinem eigentlichen Job nach – Sagdejew ist Direktor des Moskauer Institutes für kosmische Forschung.

Am 13. Mai dieses Jahres, der sowjetische Kosmologe weilte gerade auf einem Treffen der Amerikanischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, präsentierte Sagdejew der Öffentlichkeit gemeinsam mit seinen amerikanischen Kollegen, einen neuen entwaffnenden Vorschlag: Die Experten wollten den Einsatz von Kernreaktoren an Bord von Satelliten verbieten.

Sagdejew hatte guten Grund für diesen umsichtigen Vorschlag (den die amerikanische Regierung umgehend ablehnte). Wußte er doch, daß er längst eine Leiche im Keller hat: Wenige Wochen zuvor hatten die sowjetischen Kontrollstationen den Kontakt zu Kosmos 1900 verloren, einem reaktorgespeisten Himmelsspion der Rorsat-Serie, der mit Radarstrahlen gegnerische Schiffe auf den Ozeanen verfolgt. An Bord des 2,5 Tonnen schweren Satelliten befindet sich als Energiezentrale ein Mini-Atomkraftwerk, das hochgefährliche radioaktive Zerfallsprodukte enthält. Seit Anfang des Jahres kreist der Trabant herrenlos um die Erde und kommt ihr immer näher. Voraussichtlich Anfang Oktober wird er in die Erdatmosphäre eintauchen, teils verglühen, teils in Trümmern auf die Erde rieseln. Wo das geschehen wird, ist ungewiß.

Der Satellit war am 12. Dezember vom Baikonur-Kosmodrom aus, an der Spitze einer SL-11-Rakete gestartet – einem jener bewährten, sowjetischen Fließbandgeschosse, die seit 1966 routinemäßig ins All fliegen. Bald nach dem Start beobachteten die amerikanischen Allüberwacher in Colorado Springs, wie der Satellit in eine etwas ungewöhnliche Bahn um die Erde einschwenkte. Offenbar ein Experiment um die Einsatzmöglichkeit des Radarspions zu verbessern.

Wahrscheinlich erfüllte Kosmos 1900 seinen Dienst während seines zwei- bis dreimonatigen Einsatzes wie geplant. Dann gab es Probleme im Funkverkehr und alle erwarteten Manöver blieben aus. Gewöhnlich sprengt das sowjetische Kontrollzentrum den Kernreaktor von dem Satellit ab und katapultiert ihn in eine "Parkbahn" in 800 bis 1000 Kilometer Abstand zur Erde. Der Flugkörper selbst soll später in der Erdatmosphäre größtenteils verglühen. Überreste rieseln – wenn alles wie geplant läuft – auf ein wenig genutztes Seegebiet bei Neuseeland: eine Art maritime Schutthalde für kosmischen Schrott.

"Anscheinend empfängt Kosmos 1900 keine Signale mehr", erklärt der Beobachter Nicholas Johnson aus Colorado Springs, "und ist nicht mehr zu steuern." Das Gegenteil hatte noch im Mai der Stellvertreter Sagdejews, Wjatscheslaw Balebanow, in Moskau behauptet: "Wir werden den Reaktorteil von Kosmos 1900 routinemäßig abstoßen." Ansonsten gab es keine weiteren offiziellen sowjetischen Stellungnahmen.