Von Marlies Menge

Wer in der DDR lebt, reagiert anders als Bundesbürger, wenn zwei, die aus der DDR nach England gingen, nach einem halben Jahr wieder zurückkommen, wie es Bärbel Bohley und Werner Fischer letzte Woche taten. "Endlich wollen mal welche in die DDR rein und nicht aus ihr raus", sagt ein junger Mann. "Wenn es stimmt, was eure Frau Wilms sagt, daß in diesem Jahr 20 000 aus der DDR ausreisen werden, doppelt so viele wie im letzten Jahr, und wenn es auch stimmt, daß weitere Hunderttausende außerdem noch weg wollen, sind zwei in der entgegengesetzten Richtung zwar weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ... Mir machen die beiden ein bißchen Hoffnung, weil sie die DDR und uns, die wir keinen Antrag gestellt haben, noch nicht aufgegeben haben."

Nun sind die Malerin Bärbel Bohley und ihr Lebensgefährte, der Theaterdekorateur Werner Fischer, in der Tat kaum mit den Tausenden von Abwanderern zu vergleichen. Die beiden sind unbequem, aber nicht, um dadurch ihre Ausreise zu erreichen. Bärbel Bohley war schon 1983 zusammen mit ihrer Freundin Ulrike Poppe wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" verhaftet, im Januar 1984 wieder entlassen worden.

Auch bei der Luxemburg/Liebknecht-Kundgebung im Januar dieses Jahres forderten Bohley und Fischer nicht ihre Ausreise wie die über hundert anderen, die verhaftet wurden und kurz darauf in die Bundesrepublik oder nach West-Berlin übersiedeln durften. Ganz im Gegenteil. Sie gehörten zu der kleinen Gruppe, die die Kundgebung für ihre eigenen Parolen nutzen und ihr Engagement für die DDR ausdrücken wollten. Wie auch andere Mitglieder der Initiative "Friedens- und Menschenrechte" wurden sie wegen "landesverräterischer Beziehungen" verhaftet. Verurteilt wurde damals nur Vera Wollenberger, zu einem halben Jahr Haft wegen "Zusammenrottung". Krawczyk, Klier und Hirsch unterschrieben den Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik. Das Ehepaar Templin, Wollenberger, Bohley und Fischer weigerten sich, das Land zu verlassen. Es kam ein Kompromiß zustande, der wohl vor allem der Vermittlung der berlin-brandenburgischen Kirche zu verdanken ist. Zum erstenmal in der Geschichte der DDR wurden Leute, die dem Staat unbequem sind, mit Reisepässen und Visum für eine gewisse Zeit außer Landes geschickt, mit der Zusage, zurückkommen zu dürfen: Templins nach zwei Jahren, Vera Wollenberger nach einem Jahr, Bohley und Fischer nach einem halben Jahr.

Am 6. August wäre für Bärbel Bohley und Werner Fischer das halbe Jahr vorbei gewesen. Drei Tage früher kamen sie zurück, ohne daß ihnen Auflagen gemacht worden wären, wie sie sich in Zukunft zu verhalten hätten. Sie flogen von London nach Prag, wurden von dort im Auto des Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe abgeholt. Mit engsten Freunden trafen sie sich in Ost-Berlin und verleben nun 14 Tage Urlaub in der Nähe der Ostsee. Staat und Kirche wollten offenbar publizistischen Rummel um die Rückkehr der beiden vermeiden.

Auf westliche Spekulationen, wie die Rückkehr der beiden zustandegekommen sei, reagieren Ostberliner Bekannte eher unwirsch: "Mag ja sein, daß es Differenzen deswegen im Politbüro gegeben hat und daß Honecker bei der Entscheidung seine Reise nach London im Auge hatte – aber nun sind sie da, und das ist doch schließlich das Entscheidende! Vor sechs, sieben Jahren hätte man sich so was kaum vorstellen können, wie manches andere auch nicht, zum Beispiel, daß der Westberliner Regierende Bürgermeister zur Eröffnung einer Westberliner Bauhaus-Ausstellung in der DDR eine Rede hält. Was nicht bedeutet, daß wir nicht sehr viel mehr nach dem Vorbild der Sowjetunion tun könnten. Aber war das nicht immer so, so schnell schießen die Preußen eben nicht..."

Logisch betrachtet ließe sich aus der Rückkehr von Bohley und Fischer sehr viel mehr schlußfolgern, nämlich, daß die DDR bereit ist, Engagement nicht mehr als Landesverrat anzuklagen, sondern als konstruktive Kritik zu akzeptieren. Wenn es so wäre, bekämen vielleicht andere, die gegangen sind, weil sie resigniert haben, auch wieder Lust zur Rückkehr. Und eigentlich müßte die SED dann auch sie zurücklassen. Aber so logisch darf man die DDR noch nicht betrachten.