Sagte er nicht bei jeder Gelegenheit: "Entschuldigung"? Bin ich deswegen hinter ihm hergegangen und habe mir gemerkt, wo er das sagt, wo und mit welchem Gesicht? O.K., auf der U-Bahntreppe und in der U-Bahn. Er geht am Stock und kommt wirklich niemandem zu nahe, wackelt nicht, wenn er während der Fahrt stehen muß, nur beim Hinsetzen kommt er nicht so glatt herunter. Er muß aber niemanden erst anstoßen, er sagt ja vorsichtshalber gleich: "Entschuldigung", und man sieht ihn an, und er lächelt. Ja, wie denn? Das ist mehr ein Zucken im Gesicht, als hätte er mal Bewegung gebraucht. Ich stellte mich dann vor ihn hin, um zu hören, was er sagen würde. "Entschuldigung", sagte er wieder, und ich antwortete, daß er sich das sparen könne, daß es mir auf die Nerven gehe, daß er damit Schuldgefühle auslöse und Rücksicht erwarte, obgleich ihm gar nichts passiere; mich langweile dieser Trick, nein er kotze mich an, immer dieselbe Tour und ausgerechnet in der U-Bahn.

Und wovon sprach er? Von Schutzbedürfnis und Selbsthilfe, und er könne das Anrempeln nicht ertragen, er habe sein ganzes Leben darauf geachtet, nicht einmal aus Versehen jemanden mit dem Schuh, einer Hand oder der Schulter zu berühren, nicht einmal, wenn es vielleicht sogar gepaßt hätte. Und deshalb sei er stets in Übung gewesen und in seinem Alter käme ihm das zugute, aber zur Unterstützung sage er eben noch ,Entschuldigung’, das hindere selbst Leute, die sich nicht davor scheuten, andere umzustoßen oder niederzuschlagen, daran, gewalttätig zu werden. Man solle ihn bedauern, und die einzigen Waffen eines alten Schwächlings seien ein Stock und das Wort, von dem ich spräche: ,Entschuldigung‘.

Ich wollte noch wissen, ob er sich immer so gewählt ausdrücke. "Das ist auch Übung", sagte er, "älteren Leuten nimmt man eine gewisse Bildung nicht mehr übel, vielleicht wirkt das ein wenig hilflos, aber dann erfüllt es auf jeden Fall seinen Zweck. Ich bin täglich mit der U-Bahn unterwegs und scheue auch die Treppen nicht, und komme ich hier oben an, sage ich mir: du hast es wieder geschafft. Die U-Bahnstation ist in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung, und meine Vergangenheit unterscheidet sich von anderen nur darin, daß ich auch aus gesundheitlichen Gründen seit meinem 66. Lebensjahr immer allein meiner Wege gehe, und sollte bei mir eingebrochen werden, neben der Wohnungstür steht ein Koffer, da können die Einbrecher gleich alles hineintun, und der andere Koffer ist für einen unverhofften Krankenhausaufenthalt gedacht. Mehr Vorsorge habe ich nicht getroffen."’

Ich sagte: "Entschuldigen Sie..."