Als sie ihn ans Kreuz schlugen, ging er sein Leben noch einmal durch. Wie, wenn alles ganz anders gekommen wäre; wenn er der Versuchung Maria Magdalenas nachgegeben, wenn er sich nicht geopfert, sondern wie jeder andere Mensch auch eine Familie gegründet hätte, um im Kreise seiner Enkelkinder ein biblisches Alter zu erreichen? Schließlich nahm er sein Schicksal an und starb wie vorgesehen.

In dem 1955 erschienenen Roman des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis von der letzten Versuchung Christi wird ein sehr menschlicher Jesus gezeigt, einer, den bis zuletzt Zweifel an der Vorsehung plagen. Der Roman stand deshalb lange auf dem Index verbotener Bücher, doch in letzter Zeit war mit solchen Halluzinationen, und seien sie selbst bei der Kreuzigung erlebt, niemand mehr aufzuregen.

Da mußte schon Hollywood kommen. Für die Filmindustrie war die Bibel seit jeher das größte Abenteuer gewesen. Um das Bilderverbot zu umgehen, hatten sich die Drehbuchautoren der Vergangenheit allerhand einfallen lassen. Sie begnügten sich damit, Jesus nur von hinten oder allenfalls seinen "Mantel" zu zeigen. Mangelnde Ehrfurcht war den kalifornischen Moguln also gewiß nicht vorzuwerfen.

Plötzlich jedoch scheint in Los Angeles der Teufel los zu sein. Die Universal bringt in dieser Woche Martin Scorseses Verfilmung von Kazantzakis’ Roman in die amerikanischen Kinos, wo man Zeuge werden kann, wie sich Jesus im Traum mit der Sünderin Maria Magdalena fleischlich vereinigt. Von Gotteslästerung ist die Rede, Boykottdrohungen machen die Runde, ein Reverend Hymers will Spenden sammeln, um der Universal den Film abzukaufen und ihn mit allen Kopien zu vernichten. In guter alter Tradition erhebt auch der Antisemitismus sein grauses Haupt: Vor dem Hause des Vorstandschefs Lew Wasserman versammelte sich eine erlesene Schar von Rechtgläubigen um einen filmblutüberströmten Schauspieler, der unter einem Kreuz zusammengebrochen ist und dem ein Geschäftsmann den Fuß in den Nacken setzt. Christus würde ein zweites Mal gekreuzigt, hieß es auf den Transparenten, diesmal vom jüdischen Hollywood.

"The Last Temptation of Christ" soll Anfang September auf den Filmfestspielen in Venedig außer Konkurrenz laufen, und schon melden sich auch die europäischen Wichtigtuer. Franco Zeffirelli will seinen eigenen Beitrag zurückziehen, sollte Scorsese tatsächlich in Venedig auftreten dürfen. Weitere Proteste aus christdemokratischen Kreisen sind angekündigt.

Nun kann man sich über die Mischung aus Dummheit und Kitsch mokieren, die von den Amerikanern (und offenbar nicht nur von ihnen) für Religion gehalten wird, man kann sich aber auch fragen, wo dieser Zorn eigentlich herkommt. Scorsese selber hatte größte Mühe, das Geld für sein seit Jahren verfolgtes Projekt aufzutreiben. 1983 schien es soweit zu sein, Paramount stellte ihm zwanzig Millionen Dollar zur Verfügung, gab aber schließlich doch dem Druck fundamentalistischer Kreise nach. Die Freiheit der Kunst, auf die sich jetzt die Universal in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times beruft, hat für die Fundamentalisten keine Bedeutung. Für sie geht es, zumal nach den Skandalen um die sündigen Fernsehprediger Jim Bakker und Jimmy Swaggart, um ihren Status im Amerika nach Reagan. Ein Film wie der des entlaufenen Priesterzöglings Scorsese kommt da gerade recht, selbst wenn er nach Meinung eines New Yorker Bischofs, der ihn bei einer von Universal arrangierten Vorführung gesehen hat, nichts Blasphemisches hat.

Die populistischen Christenführer wissen so genau, wie gotteslästerlich der Film ist, daß sie auf den Augenschein verzichten konnten. Lieber zetern sie weiter. Ob’s was hilft, ist fraglich, denn das Publikum läßt seiner nicht spotten.

Willi Winkler