ZDF, Donnerstag, 4. August: "Die anderen 68er"

Im Jahre 1968 gab es an der Freien Universität Berlin nicht nur linke Revolutionäre, sondern auch den Ring Christlich-demokratischer Studenten mit seinen zahlreichen Vorsitzenden. Zu ihnen gehört Wulf Schönbohm, Horst Teltschik und Peter Radunski. Alle drei bekleiden heute prominente Positionen in der CDU. Wie war das vor zwanzig Jahren? Haben die christdemokratischen eggheads mitgemacht, danebengestanden oder gegen die Rebellen rebelliert? Werner A. Perger und Thorsten Jeß wollten wissen, ob sich Impulse von 1968 bis in die CDU-Spitze hinein auffinden lassen.

Sie drehten drei Kurzportraits und damit am Thema vorbei. Die Frage nach dem Einfluß von ’68 auf die CDU läßt sich mit Personaldaten und privaten Erinnerungen nicht beantworten. Es hätte um Inhalte gehen müssen. Politik wird zwar von Politikern gemacht, ist aber immer noch nicht vollends mit deren Biographien identisch. Was war’s denn, was ’68 die öffentlichen Debatten beherrschte und auch die CDU hätte interessieren müssen?

Demokratisierung, Liberalisierung, Partizipation, Emanzipation – so umständlich die Fremdwörter, so fremd die mit ihnen gemeinten Themen für die CDU. Sie führte einen förmlichen Kulturkampf gegen die Ideen von ’68. Erst die siebziger Jahre und die Vorarbeit der SPD setzten die Schwarzen instand, es sich auch nur vorzustellen, daß Gehorsam falsch, Kritik berechtigt und Frauen alphabetisierbar sein könnten.

Hätte man filmisch die politischen Streitfragen von ’68 vergegenwärtigt, so wäre klar geworden, daß die CDU dieses Jahr und den Geist, für den es steht, in Bunkerstellung überdauert hat. Es taten hier aber drei rührige Karrieristen so, als habe jener Geist nichts Besseres bezweckt als die innere Reform der CDU. Selbstverständlich kraft ihrer, Schönbohms, Teltschiks und Radunskis Ein-, Hell- und Weitsicht.

Will man "1968" mit einem einzigen Wort charakterisieren, so kann man sagen, daß es die Kritik – im weitesten Sinn – war, die als Motor von Öffentlichkeit erstmals Existenzrecht in einer zuvor auf Affirmation gestimmten Gesellschaft errang. Daß es fortan darum gehen könne, die Dinge als veränderbar anzusehen – das war es, was fast eine ganze junge Generation spontan begriff, die CDU aber in Schrecken versetzte.

Schönbohm und Co. behaupten heute, sie hätten den Geist der Kritik 1968 im Fluge erhascht und jetzt, in den achtziger Jahren, ihrer Partei eingegeben. Und Teltschiks, des Kanzlerberaters, Chef persönlich bekundet vor der Kamera: "Heilsame Unruhe tut gut." Da muß, zumal von Inhalten in Jeß/Pergers Film fast gänzlich geschwiegen wurde, klargestellt werden: Eine machtbewußte Partei wie die CDU hat für ihre Modernisierung "1968" so nötig gehabt wie Mercedes-Benz zur Entwicklung seiner neuesten Karosserie die Habeas-Corpus-Akte. Und die drei ehrenwerten Aufsteiger hätten sich ihr politisches, technisches und strategisches Wissen überall woanders beschaffen können als am Otto-Suhr-Institut und in der Auseinandersetzung mit Rudi Dutschke. Das heißt: Eine "Lehrzeit im Schatten der APO" (Perger), die in die Grundsatz- und Planungsabteilung des Konrad-Adenauer-Hauses führt, hat von der APO eben nicht mal einen Schatten mitgekriegt.