Was wäre Voltaire ohne Madame du Châtelet gewesen? Rousseau ohne Sophie D’Epinay? Was wären die Enzyklopädisten gewesen ohne Madame du Deffand und Diderot ohne Julie Lespinasse? Im breiten Publikum haben die Plaudereien von Madame de Sévigné sicher mehr zur Bekanntheit des Hofs von Louis XIV. beigetragen als die ganzen Memoiren von Saint-Simon, und wie gerne hätte Napoleon die Kritiken von Madame de Staël noch etwas ferner von sich gehalten ... Gar nicht zu reden von den Mätressen: Diane de Poitiers, Madame de Maintenon, Madame de Pompadour... und den Regentinnen: Cathérine oder Marie de Medicis, die auch über das Geistesleben ihrer Zeit herrschten.

Gesellschaften sind sterblich. Heute spielen die Geliebten der Politiker keine Rolle im öffentlichen Leben Frankreichs mehr, und die berühmten Salons sind auch verschwunden, der Demokratisierung zum Opfer gefallen.

Und die Frauen? Jetzt, wo 70 Prozent von ihnen arbeiten, hat sie da die Arbeitswelt verschluckt? Haben sie überhaupt noch einen Einfluß auf das intellektuelle Leben in Paris? Durchaus.

Die Pariserin gibt es noch; und sie unterscheidet sich sehr von ihren Schwestern in der Provinz, denn nur in Paris ist der Druck (und ist die Aufregung) so groß: immerzu schwebt den Frauen das Idealbild vor. Chic und sexy sollte man sein, eine einfallsreich eingerichtete Wohnung sollte man haben, natürlich Kinder – zwei, möglichst drei – samt (erstem oder zweitem) Mann und selbstverständlich einen Beruf.

Das heißt ein kleines Unternehmen führen: Schule, Kleider, Ferien, Arztbesuche fremde Hilfe ist unerläßlich. Im bürgerlichen Paris würden, die meisten Frauen untergehen ohne jene Frau, die die gute Seele des Hauses geworden ist: oft-eine Portugiesin oder Spanierin, manchmal eine Frau aus Nordafrika. Auf sie, wie auf das Au-pair-Mädchen, sind die Pariserinnen angewiesen, und oft hängen sie mehr an ihr, als sie es sich eingestehen. Wenn sie mit 60 Jahren weggehen, zurück in die Heimat, ist der Abschied herzzerreißend.

Mit der wachsenden Scheidungsrate in Paris sind die Frauen mehr und mehr zum ruhenden Pol der Gesellschaft geworden. Da sie meistens das Sorgerecht über die Kinder beanspruchen und auch erhalten, gewährleisten sie die familiäre Kontinuität, während die Männer freischwebenden Elektronen gleich von einem Haushalt zum anderen wandern... Ohne die Frauen kommt keine Taufe oder Geburtstagsfeier zustande. Sie kümmern sich um das Gefühlsleben und das Gesellschaftsleben ihrer Lieben.

Natürlich wird der soziale Status weiterhin meist vom Mann bestimmt, aber durch ihren Beruf hat die Frau Einblick in diese Welt. Sie ist es schließlich, die die Diners organisiert. Wenn zwei Pariserinnen sich treffen, reden sie gewiß über Diners. "Ich bin fünf oder sechs Diners schuldig", stöhnt die eine; "Ich habe seit drei Monaten niemanden mehr zum Diner eingeladen", klagt die andere. Die Vorbereitung eines Diners garantiert verzweifelte Momente im weiblichen Alltag.