Pars pro toto? Nein, keine Generalisierungen. Aber in Bonn geschieht auch dies: Im Frühjahr sieht Olaf Klar im Lokalblatt ein Photo, das den Inspekteur des Heeres, Generalleutnant. Henning von Ondarza, zeigt. Er überreicht Minister Wörner zum Wechsel auf den Posten des Nato-Generalsekretärs ein Abschiedsgeschenk der Truppe: einen Karabiner 98 K der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Klar, Ministerialrat a. D., lange Jahre Pressesprecher des Innerdeutschen Ministeriums, CDU-Mitglied und entschiedener Befürworter der Bundeswehr, entsetzt sich. Mit diesem Geschenk, so schreibt er an Ondarza, seien Hunderttausende unschuldiger Menschen getötet worden, "eine Tatsache, an die Sie, Herr General, anscheinend keinen einzigen Gedanken verschwendet haben". Und Klar fügt hinzu, daß er selber mit jener Waffe im Zweiten Weltkrieg im Nahkampf gegnerische Soldaten habe töten müssen – eine schreckliche Erinnerung. "Herr General", so schließt sein Brief, "ich schäme mich für Sie."

Ondarza antwortet erst, Zufall oder nicht, als das Lokalblatt nach wochenlangem Warten einen Leserbrief Klars bringt. Zwar drückt er in einem knappen Satz sein Verständnis für die so persönlich begründeten Gefühle Klars aus. Aber dann heißt es gleich, fast im Stile eines Tagesbefehls: "Darüber hinaus bin ich nicht bereit, Ihre Vorwürfe hinzunehmen." Und was darauf folgt, wirft die Frage auf, ob der Heeresinspekteur Klars Skrupel und Argumente überhaupt begriffen hat. Denn was er zu seiner Rechtfertigung anführt, bestätigt haargenau die Einwände Klars.

"Der Karabiner 98 K", schreibt der General nämlich weiter, "ist über Jahrzehnte hinweg die Waffe deutscher Soldaten gewesen. Das Gewehr ist zu einem Symbol des Heeres geworden. Dies war auch der Grund, dem Minister eine solche Waffe zu überreichen." Und als schlage dieses Eigentor, wenn auch unbemerkt, noch nicht genügend durch, schließt Ondarza: "Waffen... sind im moralischen Sinne weder gut noch schlecht. Moralische Qualität erhalten sie erst durch den Menschen, der ihren Einsatz verantwortet."

Genau das; damals hieß dieser Mensch Hitler und wie noch. Halb verblüfft, halb aufgebracht über die verständnislosen Zirkelschlüsse hat Klar daraufhin an den neuen Verteidigungsminister Rupert Scholz geschrieben: Handele es sich denn nicht um die Waffe, mit der die Wehrmacht Hitlers verbrecherischen Angriffskrieg geführt habe, die ebenso das Mordinstrument der SS-Einsatzgruppen gewesen und dann auch zur Exekution Staufenbergs benützt worden sei?

Wiederum dauerte es Wochen, bis er Antwort bekam, zwar nicht vom Minister, doch von dessen Parlamentarischem Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach. Abermals Worte des Verständnisses für seine persönlichen Beweggründe, doch sonst eine Wiederholung der verständnislosen Argumente Ondarzas und der plumpe Versuch, Klars Einwand einfach umzudrehen: "Sie messen dieser Waffe einen symbolischen Wert zu, der ihr nicht zukommt ..."

Allenfalls, daß Olaf Klar dort verallgemeinernd übertrieben hat, wo er, in seiner Empörung, daran zweifelt, ob sich die Bundeswehr wirklich von "den Wertvorstellungen einer freiheitlichen Demokratie leiten läßt, ohne auf falsche Anleihen aus Deutschlands dunkelster Vergangenheit angewiesen zu sein". Aber was soll, ja muß er denn denken, wenn sich der Heeresinspekteur so begriffsstutzig zeigt, seine eigenen Gegenargumente im gleichen Atemzuge dementiert, und wenn ihm ein Staatssekretär dabei sekundiert?

Nein, die Korrespondenz ist deprimierend. Keine Generalisierungen – doch in Bonn beginnt vieles so unscharf, gedankenlos und unsensibel zu werden, wie sich umgekehrt ellenbogenhafte und gesundbeterische Selbstgewißheit ausbreitet. Aber wenn die Karawane bekanntlich einfach weiterzieht, bleibt eben manches am Wegesrand zurück. Carl-Christian Kaiser