Das Thema Exilliteratur steht groß auf der Tagesordnung des Kulturbetriebes und der Germanistik. Etwas verspätet, dafür aber mit guter deutscher Gründlichkeit, hat sich eine Exilforschung etabliert; daß sie sich auf die Jahre 1933-1945 konzentriert, versteht sich von selbst. Dagegen begegnet man in literarischen Essays gelegentlich der Tendenz, den Begriff des Exils zu entspezifizieren und Literatur überhaupt als eine Art Auswanderungsprodukt zu verstehen ("Goethe als Emigrant"). Einer solchen Verharmlosung ist ebenso entgegenzuwirken wie einer Beschränkung des Interesses nur auf die Exilliteratur der Nazijahre. Deshalb sind die Vorlesungen über "Sprache und Exil heute", die Horst Bienek auf Einladung der Münchner Germanisten gehalten hat, ein aktuelles und wichtiges Buch.

Die Zahl der Länder, in denen Menschen aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt und vertrieben werden, ist ständig gestiegen; 1986 waren es, nach einer Zählung von Amnesty International, 122 Länder. So entsteht ein Großteil der heutigen Weltliteratur im Exil. Daß sich unter diesem Zwang auch geistige Grenzüberschreitungen innerhalb der Nationalliteraturen vollziehen müssen – "Exil ist eine Chance" –, wird man später vielleicht als einen Gewinn begreifen, aber den Preis dafür zahlen heute die Exilanten, und er ist bitter. Sie wohnen mitten unter uns, in unserer Wohlstands- und Mediengesellschaft, abgeschnitten von ihrem Publikum, oft in materieller Not. Wir wußten es, haben es aber aus Ohnmacht verdrängt oder aus Gleichgültigkeit immer wieder vergessen. Nach Eichs kategorischem Indikativ "Alles was geschieht, geht dich an" läßt sich nicht leben, ohne den Verstand zu verlieren. "Alles" ist immer zuviel. Man kann nur im eigenen Erfahrungskreis Akzente setzen und sich angehen lassen, was hier sich andrängt.

Horst Bienek hat es in seinen Vorlesungen getan, für sich und für möglichst viele, denen Literatur mehr als eine Unterhaltungsware bedeutet. Er berichtet, dokumentiert, verweist auf Lebensläufe, die sich in seiner (und unserer) unmittelbaren Nähe fortsetzen. "Eines Tages werden wir, die wir seßhaft geworden sind, (auch) daran gemessen werden,... wie wir mit den Menschen im Exil umgegangen sind."

Wer Bieneks Biographie, seine Romane und publizistischen Arbeiten kennt, weiß, daß vergessene oder ins Abseits geratene Autoren seit nun schon dreißig Jahren in ihm einen verläßlichen und selbstlosen Anwalt haben. "Sprache und Exil heute" ist unter dem Zwang der eigenen Lebensgeschichte Bieneks Thema geworden, unter diesem Titel konnte, ja mußte er sein Selbstverständnis als Schriftsteller, seine eigene Poetik reflektieren. Nicht daß auch er sich als Exilant verstünde, aber er wurde durch analoge Erfahrungen geprägt: die Kindheit an der alten deutsch-polnischen Sprachgrenze, die Vertreibung aus Oberschlesien, seine Verhaftung in der DDR, vier Jahre im Archipel Gulag, Zwangsarbeit in einem sibirischen Bergwerk – das waren, mit Gorki gesprochen, seine Universitäten. Bienek war deshalb berechtigt, in dieser Poetik des Exils auch den eigenen Lebenslauf zu erzählen, was meist distanziert in der dritten Person singularis geschieht. Es gehört zum Thema dieses zutiefst solidarischen Buches.

Peter Horst Neumann

• Horst Bienek: Das allmähliche Ersticken von Schreien

Sprache und Exil heute (Münchner Poetik-Vorlesungen); Hanser Verlag, München 1987; 114 S., 22,– DM