Berlin: "Riga – lettische Avantgarde"

In einer Kunstausstellung acht symmetrisch angeordnete Neonleuchtstäbe innerhalb einer Installation mit drei Plastiken, was ist das? Das ist Avantgarde. Von der Decke an Schnüren herabhängende Kissen, was ist das? Avantgarde. Rund zwei Dutzend derartige Kissen in weißen Bezügen, vor einem Fernseher aufgeschichtet, was ist das? Natürlich Avantgarde. Wie unterscheidet man diese Kissen von ähnlichen Kissen in westlichen Ausstellungen – (oder gar auf dem heimischen Sofa)? In den einen ist vielleicht Heu, in den anderen Stroh. Ein Kritiker ist da aufgeschmissen, sein Unterscheidungsvermögen versagt. In der lettischen Avantgarde, die nach Berlin, der "Kulturmetropole Europas", gekommen ist, gibt es nahezu ebenso viele Themen, Stile, Begriffe wie bei uns – Malerei, Graphik, Videofilm, Performance, Hyperrealismus, Neoexpressionismus, Popart, Photographie. Bei uns wurde in unzähligen Ausstellungen die "Mona Lisa" abgewandelt, mit und ohne Schnurrbart. In Berlin sieht man statt Leonardos Bild Raffaels Sixtinische Madonna. Miervaldis Polis hat, zu Füßen der Großmutter, sein eigenes photographisches Portrait plaziert, man sieht ihn in modernem Anzug, chic sieht er aus. – Im Bereich der Sozialkritik hier und da Spezifisches. Ein Straßenbild. Eine riesige Menschenschlange vor einem Haus, auf dem in lettischer Sprache "trinken" (dzert) steht. Zwei Normen scheinen verbindlich zu sein. Erstens die Abwendung vom sozialistischen Realismus. Punkt zwei ist fast ein Widerspruch zu Punkt eins, bezieht sich auf Vermeidung "destruktiver" Kunst. Die neue These "In der lettischen Avantgarde-Kunst findet sich nicht das Moment der Negation oder Destruktion" bedeutet immer noch eine Reglementierung, ein Rudiment aus der Zeit des sozialistischen Realismus, das in der künstlerischen Perestrojka befremdlich wirkt. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Riga eine Avantgarde, die "Grüne Blume" hieß und in der "Gruppe der Expressionisten" aufging. Vor der neuesten lettischen Umorientierung gab es hier und da schon eine verschwiegene oder verheimlichte, völlig unrealistische Kunst (zu ihr gehörte zum Beispiel Uldis Zemzaris). Die 23 Künstler, die an der Berliner Ausstellung teilnehmen, gehören zu den Jahrgängen 1940 bis 1960 (Leva Iltnere, Dace Liela, Aija Zariija, Ivars Poikans, Olegs Tillbergs) – und ein Älterer ist auch dabei: Auseklis Bauškenieks. Avantgarde oder nicht – der Berliner Veranstalterin, der "Neuen Gesellschaft für bildende Kunst", ist dafür zu danken, daß sie uns die Gelegenheit verschafft zu einer Wiederbegegnung, die für beide Seiten auch eine Hoffnung ist. (Staatliche Kunsthalle bis 24. August, Katalog 16,80 DM.)

René Drommert

Augsburg: "Matthäus Günther"

Matthäus Günther, einer der bedeutenden Freskanten des achtzehnten Jahrhunderts, gehört zu den Künstlern, deren Gestaltungsvermögen, Farbgebung, Phantasie eine Ausstellung nicht angemessen sichtbar machen kann. Wenn man seine Visionen des barocken Himmels kennenlernen will, muß man die Kirchen besuchen, die er ausgemalt hat, zwischen Würzburg und Neustift in Tirol. Günther ist vor zweihundert Jahren, am 30. September 1788, in Wessobrunn gestorben, der Heimat der damals weltberühmten Stukkateure, die zum Gelingen des Gesamtkunstwerks Kirche entscheidend beitrugen. Dieses Datum und der Umstand, daß Günthers OEuvre der Forschung noch manche Probleme aufgibt, standen Pate bei dem Versuch, anhand der Materialien, die transportabel sind, ein Gesamtbild seiner Kunst auszulegen. Die gezeichneten und gemalten Freskenentwürfe bilden das Rückgrat der Ausstellung. Neben diesen Originalen, die im Glücksfall den Gang der künstlerischen Überlegungen von der ersten Idee bis zum Stadium kurz vor der Ausführung skizzieren, findet der Besucher stets ein Photo der realisierten Malerei, das ihm eine ungefähre Vorstellung von der Umsetzung des Entwurfs in eine große Komposition gibt. Günther hat erfahrene Wirklichkeit auf die Decken projiziert; sein Himmel öffnet sich erst über der illusionistischen Spiegelung des Irdischen, gibt dann aber den Blick frei in einen Raum von schwer bestimmbarer Atmosphäre, in eine Zone farbig materialisierten Lichts, die Unendlichkeit bedeutet. Die wirbelnde Tiefe, die den Blick des Betrachters anzieht, verliert auf den Himmeln Günthers allmählich ihre Kraft. Die Säkularisierung des Jenseits kündigt sich an. (Städtische Kunstsammlungen in der Toskanischen Halle des Zeughauses bis zum 11. September; Katalog 38,–) Helmut Schneider