Von Bernd Neumann

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben. Wenn einer zuvor das Werk eines bestimmten Schriftstellers gelesen hat und in die Gegend fährt, in der dieses Werk spielt – kann er dann etwas nach-erleben? William Faulkner hat monoman seine großen Romane in "Yoknapatawpha County" angesiedelt. Eigenhändig hat Faulkner eine Landkarte über diesen epischen Spielraum entworfen. Uwe Johnson, manchmal "der deutsche Faulkner" genannt, hatte eine große Karte Mecklenburgs aus dem 18. Jahrhundert in seinem Arbeitszimmer hängen; das Güstrower Adressenverzeichnis beispielsweise gehörte zu seinen Arbeitswerkzeugen.

Dieser deutsche Schriftsteller hatte es immer wieder, über ein Vierteljahrhundert hinweg, von den "Mutmaßungen über Jakob" (1959) bis zum letzten, zum vierten Band der "Jahrestage" (1983), mit Jerichow und Gneez, mit Grevesmühlen und Wendisch Burg, mit Güstrow, Rostock und mit Malchow am See gehabt. Vom Fischland zwischen Ostsee und Saaler Rotten bis zum Müritz-See im Innern Mecklenburgs reicht Johnsons Landschaft, die ihm Troja und Ägäis, Old South, Mark Brandenburg und, im Kontrastverhältnis zu New York, dann auch Berlin Alexanderplatz in einem gewesen ist.

Der Erstling "Ingrid Babendererde" verlegt Güstrow an die Große Müritz und war noch ausschließlich dort zu Hause, zu Wasser vor allem, aber auch zu Lande. Uwe Johnson in "Ich über mich": "Aber wohin ich in Wahrheit gehöre, das ist die dicht umwaldete Seenplatte Mecklenburgs von Plau bis Templin, entlang der Eide und der Havel, und dort hoffe ich.mich in meiner nächsten Arbeit aufzuhalten, ich weiß schon in welcher Eigenschaft, aber ich verrate sie nicht!"

Dort, in Plau und Templin, Güstrow, Klütz und Grevesmühlen habe ich mich im Frühjahr 1988 sieben Tage lang aufgehalten, auf der Suche nach biographischem Material über Uwe Johnson und nach dem Choc jenes déja vu, mit dem sich zuweilen Literatur in Leben verwandelt.

Uwe Johnson, 1934 geboren, war 1946 von Anklam aus auf jene John-Brinckman-Oberschule in Güstrow gekommen, die sein Vater für ihn noch gewünscht hatte. Er legte dort am 18. Juni 1952 sein Abitur ab, studierte von 1952 bis 1954 in Rostock und bis 1956 in Leipzig. Er lebte seit 1959 in Berlin (West), dann in New York, schließlich im englischen Sheerness on Sea, wo er 1984 starb. Seine Herkunft aus Mecklenburg war eine lebenslängliche Zugehörigkeit. Der in seinen letzten Jahren von Sheerness aus östlich über die See schaute, meinte, bei bestimmter Wetterlage, immer nur Mecklenburgs Küste zu sehen. Es hatte sich ergeben (und es war bereits im Erstling vorausgesagt), daß er, mit Stefan George zu sprechen, "in Sehnen leben mußte". Das war ihm der Motor seines Schreibens.

In seinem letzten Lebensjahr wollte Uwe Johnson für ein Jahr zurück nach Mecklenburg, um dort zu leben. Das Projekt der "Jahrestage" war abgeschlossen, er arbeitete weiter an der Cresspahl-Saga. Der Kollege aus Akademie-Tagen Stefan Hermlin sollte (und wollte) ihm diesen Aufenthalt ermöglichen. (Stefan Hermlin sei hier mit Dank und Respekt erwähnt. War er es doch, der zum Gelingen meiner Reise nach Güstrow und Leipzig beigetragen hat.)