Was war das nun wieder. Dreimal hören wir in einem Schauspiel aus drei Teilen zu je zwanzig Minuten (mit zwei zwanzig Minuten dauernden Pausen) dieselben Sätze, Wörter, Silben, Geräusche – denn zu verstehen ist fast nichts, wenn sieben Darsteller, oft gleichzeitig, ab-ge-hackt spre-chen.

Aber was ist zu sehen! Achim Freyer hat wieder geträumt – einer der Visionäre des deutschen Theaters. Der aus dem Atelier des Malers, des Bühnenbildners an das Schaltpult des Regisseurs drängende Künstler verwandelt das Berliner Hebbel-Theater hundert Minuten lang in eine große Kiste schöner, grotesker, unheimlicher, komischer Figuren, Bilder, Szenen.

Nach so viel Pflichterfüllung an unseren Theatern mit öden, (zu) üppigen, meistens braven Inszenierungen läuft Achim Freyer, seit 1975 Professor an der Hochschule der Künste Berlin, mit Schülern und einigen ständigen Mitarbeitern eine Kür – in einem Programm der "Berlin – Kulturstadt Europas"-Veranstaltungen mit dem einfältigen Titel "Geschehnisräume".

In dem seit zwei. Jahren vom Feste-Feiern übersättigten Berlin ist das Theater schon zu Beginn nur halbvoll. Nach zwei Pausen ist es mehr als nur halbleer. Viele sind kopfschüttelnd abgewandert.

Leute, was habt ihr versäumt! Jetzt, im dritten Teil, es ist erst 21 Uhr, wird wahr, was dieser Fanatiker der Bühnenkunst im Programmheft mit selbstzerstörerischer Heiterkeit für den Schlußteil seiner theatralischen Aktion verheißt: "Das Scheitern führt zum größten Vergnügen."

So ist es. Nach den strengen Exerzitien der Raum- und Zeit-Erkundung in den ersten beiden Teilen gibt es zum Schluß Beifall auf offener Szene. Für kurze Zeit hat Freyer uns eingeladen in seine Schule des Sehens, die für ihn eine – durchaus politisch zu verstehende – Schule des Verstehens und (Selbst-) Erkennens ist. Wer sich dem 1934 geborenen Fährtensucher Freyer anvertraut, dem Experimentator im noch immer zuwenig erforschten Gelände zwischen Malerei und Dichtung, Bild und Wort, trägt nicht unbedingt Antworten heim, aber Fragen. Da ist Freyer, der ehemalige Meisterschüler für Bühnenbau am Berliner Ensemble, nach wie vor treuer Lehrling seines Frage-Meisters Bertolt Brecht.

Auch Freyers Inszenierungen (vermeintlich) fertiger Stücke, von Händel bis zu Kagel, von Goethe bis zu Kroetz, tasten sich an die Ränder der Sprache, der Bilder, der Darstellung vor. In seinen Werkstatt-Arbeiten jedoch (zuletzt "Die Metamorphosen des Ovid...", Burgtheater Wien, 1986 und "Der gestreckte Blick oder Die Krümmung der Fläche zum Raum" bei der "documenta 8") lädt Freyer den Besucher ein, vom bloßen Zuschauer zum Mit-Denker, Mit-Träumer, Mit-Arbeiter zu werden, getreu dem anspruchsvoll-bescheidenen Wunsch von Marcel Duchamp: "Meine Bilder brauchen zur Vollendung den Betrachter."