Von Fritz J. Raddatz

Der wahre Muezzin von Tanger ist Amerikaner, Komponist, Romancier und – wie seine Autobiographie "Without Stopping" zeigt – zeitlebens Weltreisender: zwischen New York und Paris, von Mexiko nach Sri Lanka, mal mit tausend Pfund Gepäck per Bahn durch Indien und mal im Jaguar-Cabriolet nach Rom zu Visconti, an dessen Film "Senso" er mitarbeitete: Paul Bowles. Tanger ohne Paul Bowles – das wäre wie Paris ohne Eiffelturm.

Zuerst 1931 von Gertrude Stein dorthin geschickt, lebt der jetzt 78jährige nun seit 40 Jahren hier, inzwischen in einem eher kärglichen Appartement im fünften Stock eines scheußlichen Fünfziger-Jahre-Hochhauses – wo er bei 25 Grad Außentemperatur frierend in zwei Pullovern vor dem ständig brennenden Kamin steht. Ein sehr englisch wirkender Gentleman, der leicht abweisend, oft auch abschätzig die schönsten Geschichten erzählt: vom humorlos über Genet monologisierenden Sartre oder vom Haß zwischen Truman Capote und Gore Vidal, von einer Cocteau-Vernissage in Paris oder einer monströsen Peggy-Guggenheim-Party in Marokko und von dem Haus in New York, in dem Benjamin Britten im Parterre lebte, George Davis im ersten Stock, Paul Bowles mit seiner Frau Jane im zweiten und W. H. Auden mit Peter Pears im dritten – Golo Mann bewohnte die Mansarde.

Abendland im Morgenland? Europäisch-amerikanischer Klatsch im orientalischen Märchenland? Es ist anders. Paul Bowles – der französische Schriftsteller Daniel Rondeau hat das farbig und eindrücklich in seinem "Tanger"-Buch geschildert – ist wie ein Schlüssel zu den vielen fremden Zimmern dieser Stadt. Seine Erzählung, wie er Genet am einen Ende der Straße und Beckett am anderen sah, wie er Beckett bis weit hinaus an einen einsamen Strand folgte, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, ist wie eine Photographie. Seine Stimme klingt im Ohr beim ersten Bummel durch Tanger, in dessen Gäßchen man sich verliert:

Ein Mann in der wehenden Dschellaba, aus jeder Hand hängt ein krähender Hahn; ein malerischer Alter mit dem Gesicht wie eine Landschaft, der im Schein einer Kerze vor Gewürzkörben hockt, den Koran liest – und daneben Pakete mit Katzenstreu, Kellogg’s Cornflakes und Ajax; der geheimnisvolle Eingang zu einer Moschee (in Marokko, anders als in der Türkei, dürfen Christen die Moscheen nicht betreten) – auf den schönen türkisfarbenen Fliesen der Pappfetzen eines Omo-Pakets und daneben ein Stand mit "Heringen in Senf-Sauce"; kauernde Frauen unter mächtigen, breitrandigen Strohhüten – und gleich dahinter die Strichjungen mit dem falschen Cockerspaniel-Blick. "Kasbah, Kiff und Knaben", höre ich Paul Bowles sagen; das habe William Burroughs kurz angebunden einmal auf die Frage geantwortet, was ihn an Tanger so fasziniere.

Allein, so ist es nicht. Etwas schwer zu Greifendes, schwer zu Definierendes macht den Zauber der Stadt aus. Versuchsweise könnte man sagen: Sie atmet Muße. Eine legere Gemächlichkeit scheint den Rhythmus zu bestimmen – ob man nun in einem kleinen Caféhaus am Grand Socco den herrlichen Pfefferminztee (aufgebrüht aus Büscheln frischer Minze) schlürft oder sich im Gewirr der Gäßchen verirrt, aus der die hoch über der Stadt gelegene Kasbah besteht, so verschachtelt und verwinkelt, als wolle sie den Fremden bewußt foppen. Gewiß, die ständige Andienerei, die ewige Erwartung von Trinkgeld ist lästig – im Laufe der Reise bekommt die Bewegung mit der rechten Hand, mit der man Kleingeld aus der Hosentasche zieht, etwas Krampfartiges –, aber nach einer Weile hat man den Dreh raus: Ein bezahlter Führer schützt vor dem Geflüstere: "Ich bin Ihr Freund, darf ich Ihnen die Stadt zeigen?"

Das kleine Museum mit herrlichen Keramiken aus Meknes, Tetouan oder Fassi (= Fez) hat man auf diese Weise für sich allein, es ist ein alter Sultanspalast mit teilweise prächtigem Palmenschnitzwerk und, die große Überraschung, einer wunderschönen Ausstellung von Delacroix’ "Extraits des Carnets du Maroc". Europa blinzelt immer herüber. Auch geographisch: Gleich am Museum öffnet sich eine große Ausblick-Terrasse – da drüben liegen, gut zu sehen, Gibraltar und Spanien. Etwas traurig scheint es der Student zu sagen. Wie ich später erfahre, ist es eine Art "Mauer"-Effekt – nicht jeder Marokkaner bekommt einen Paß, kann "ausreisen". "Wir sind ein freies Land", werden später ein paar Angeber im "English Pub" prahlen. Sie bestellen mit großspuriger Geste Wein gleich flaschenweise und erzählen von Wien, Amsterdam und Sussex. Mit den Händen zu greifen, daß etwas nicht stimmt; aber was?