Der Aussiedlerstrom aus Osteuropa schwillt zur Völkerwanderung an

Detlef Henze entspricht nicht gerade dem Prototyp eines deutschen Berufsbeamten. Zum Polohemd trägt er eine saloppe Leinenhose, vor ihm auf dem ansonsten leeren Schreibtisch steht ein großer Becher Kaffee, daneben finden sich ein Diktiergerät sowie einige Broschüren mit dem Titel "Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland". Absender: Das Ministerium des Inneren.

Doch der Eindruck bürokratischer Betulichkeit trügt. Auf einem Tisch in der Ecke des Büros türmt sich ein Stapelblauer Mappen. Nach zwanzig Minuten wirft der Bote einen neuen "Vorgang" in Henzes Eingangskorb. Die Höhe des Aktenberges ist ein Hinweis auf die Zahl der Antragsteller draußen vor der Tür. Aber Detlef Henze schaut längst nicht mehr hin.

Henze ist Mitarbeiter des Grenzdurchgangslagers in Friedland. Für viele Aussiedler, die seit mehr als einer Woche auf die Registrierung warten, ist der Besuch in seinem Büro von schicksalhafter Bedeutung. Hausintern werden die Gespräche bei Henze und seinen Kollegen schlicht "Befragungen" genannt. Doch tatsächlich fällt hier die Entscheidung, ob ein Neuankömmling "deutscher Aussiedler" werden und bleiben darf – oder ob er wieder zurückkehren muß.

Nach einem kurzen Blick auf die nächste blaue Mappe öffnet Henze die Tür und ruft laut einen Namen. Ein junger Mann aus der Nähe von Kattowitz betritt zögernd den Raum, mit ihm sein Vater, der als Dolmetscher helfen will. Schüchtern setzen sich die beiden, die Plastiktüten mit ihren Papieren geben sie nicht aus der Hand. "Seien Sie doch nicht so nervös", meint Henze teilnahmsvoll und blättert die Akte des Polen vor und zurück.

"Schreiben Sie sich eigentlich mit tz oder c?" Die Antwort kommt zögernd, der junge Mann blickt kaum auf. Auf die Frage nach dem Aufenthaltsort seines kleinen Sohnes schweigt er minutenlang. Schließlich sagt er leise, daß er ihn zunächst in Polen zurückgelassen habe.

Kommentarlös macht sich Henze eine Notiz. Er blättert wieder und wendet sich zum dolmetschenden Vater. "Sie waren also in der Wehrmacht. Auch in russischer Gefangenschaft?" Nach Lage der Dinge ist damit der Fall klar. Zum jungen Polen gewandt, sagt Henze: "Wir machen Sie nach Ihrem Vater deutsch." Der Beamte greift zum Diktiergerät, fast rückwärts gehend verlassen die beiden Männer den Raum. "Danke, danke", sagen sie immer wieder.