Nach 27 Jahren Mauer – eine Sperre gegen Ost-Aussiedler?

Von Theo Sommer

Rückblende. Die Zahlen schnellten atemberaubend in die Höhe, aus dem Rinnsal derer, die sich aus der DDR nach Westen schlugen, wurde nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows im November 1958 ein reißender Strom. Rund 143 000 kamen 1959, fast 200 000 im Jahr 1969, abermals 100 000 im ersten Halbjahr 1961. Im Juni 1961 waren es 20 000, im Juli 30 000, im August täglich 2000, 2500. Mitte Juni noch hatte Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz beteuert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Aber in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 fuhren Schützenpanzer an der Sektorengrenze auf. Arbeitskolonnen rammten Betonpfähle ein und zogen Stacheldrahtzäune – Vorläufer jener Mauer, deren Bau ein paar Tage später begann. Auf viele Jahre verwandelte sie das Gefängnis DDR aus einer offenen in eine geschlossene Anstalt.

Schnitt. Siebenundzwanzig Jahre später: Wiederum schnellen die Zahlen in die Höhe, diesmal die der deutschstämmigen Aussiedler aus Osteuropa und Südosteuropa. Knapp unter oder über 40 000 waren 1984, 1985, 1986 jährlich gekommen, doch 1987 wurden schon 86 000 gezählt, im ersten Halbjahr 1988 dann 65 000. Fast 15 000 meldeten sich in Juni, fast 21 000 im Juli. Zweihunderttausend könnten es 1988 am Ende schon werden, heißt es (siehe Dossier, Seite 9).

Mit einem Male schrillen die Alarmglocken in der Bundesrepublik. Nein, niemand ruft nach einer Mauer gegen den Aussiedler-Zustrom; dem Lippenbekenntnis zu Solidarität und deutschem Gemeinsinn möchte sich kaum einer entziehen. Aber hinter vorgehaltener Hand tut sich Unmut kund: Haben wir eigentlich Platz für die? Nehmen sie uns nicht bloß Arbeitsplätze weg? Und werden ihnen nicht viel zu viele Vergünstigungen zugebilligt: Begrüßungsgeld, Arbeitserlaubnis, Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe oder Rente, Wohnungsberechtigung und Wohngeld, Einrichtungskredit, zehn Monate Deutschkurs, Umsiedlungskosten? Wer soll das alles bezahlen?

Im August 1961 wurde die Berliner Mauer unter Erich Honeckers Oberaufsicht aus Betonplatten hochgezogen. Errichten wir jetzt in unseren Köpfen eine Betonmauer gegenüber den versprengten Deutschen aus dem Osten, die nach so vielen Jahren zu uns kommen dürfen?

In der öffentlichen Diskussion gehen die Argumente kunterbunt durcheinander. Wer sich einen falschen Zungenschlag leistet, der sieht sich unversehens in eine extreme Ecke gestellt – als Heimins-Reich-Ideologe, der alle Deutschen am liebsten unter dem Dach der Bundesrepublik versammeln will; als – umgekehrt – großdeutscher Bollwerksbauer, der nicht möchte, daß irgendein Vorposten geräumt wird; oder als germanischer Rassist, der blonde Volksdeutsche, mögen sie auch nur Polnisch sprechen, gern ins Land läßt, die schwangere Tamilin jedoch abschiebt, wiewohl er sie damit womöglich einem schlimmen Tod im Stammesgemetzel überantwortet.