Eine Lehre vom Verstehen, sicherheitshalber in kleinen Schritten, damit das große Ziel nicht verfehlt wird: ebenbürtig miteinander reden. Bodenheimer zeigt, wie Sage-Situationen kaputtgemacht werden, zum Beispiel zwischen Arzt und Patient (das kennt er beruflich), aber so etwas passiert in jeder "Beziehung". Zwei kurze Passagen aus Navratils "Gesprächen mit Schizophrenen" druckt er ab, als Beispiele für Zumutungen dem Partner gegenüber. Solch "autoritär dirigierter Leerlauf" nennt sich in Ehren "Gespräch", seit alters, seit Sokrates. Dessen Technik, Antworten durch die Art der Frage im voraus festzulegen, hat Bodenheimer schon in dem Reclam-Büchlein über die Obszönität des Fragens "Warum" analysiert. Es erschien 1984, wie die deutsche Version des Fragespiels "Trivial Pursuit" und erreichte bisher eine Auflage von 13 000 Exemplaren. Die Basis-Version von Trivial Pursuit (sechstausend Fragen) wurden nachgeschoben, ein Ende ist nicht abzusehen.

Keine Frage also, man will "gefragt sein". Und fragen. Von der Pythia bis zu Noelle-Neumann, von den Eignungstests bis zur Anamnese: ein ständig danebengehendes Gefasel, sagt Bodenheimer. Im Kapitel "Fragebogerei" das Beispiel für geglückte Partnersuche per Computer: sie geistesschwach er charakterneurotisch. "Wahrhaftig, Ähnliches hat zu Ähnlichem gefunden." Das kann noch verfeinert werden, bis zum Idealergebnis: Der Sucher erweist sich als der Gesuchte. "Ick könnte mir selber küssen", sagt man in Berlin.

Sorgfältig wird deduziert, wie Fragen verschließen, wie sie Antworten verhindern, privat und öffentlich, daß prinzipielles "Verständnis" prinzipiell fehlgeht und Fürsorge gern autoritär ist. Zwar hat es sich ja herumgesprochen, daß sogar Verrückte Menschen sind, vielleicht nicht wie du und ich, aber doch wie du. Und öffentliches Wohlverhalten würde sich wohl am liebsten an einem behinderten Homosexuellen mit schwarzer Haut und türkischer Nationalität erweisen. Das ist die Fassade. Bodenheimer klopft die Fundamente ab. Und schon wackelt das ganze Gebäude.

Geduldig warten, bis der andere von sich aus etwas sagt, und dann antworten, in der gleichen Sprache, das wird das empfohlen. Das frappanteste Beispiel: "Guten Morgen, Herr Hölderlin". Da wird ein scheinbar erledigter Fall vergegenwärtigt. Seit Lange-Eichbaums Befund: "Die Psychose fördert die Lyrik nur ganz vereinzelt zu Beginn", "ab 1806 Endzustand", wissen wir ja Bescheid. Und da kommt einer, der nicht psychiatrisch untersucht, nicht philologisch analysiert, nicht phänomenologisch deutet, sondern die Texte einfach als Anruf versteht, der auf Antwort hofft.

Bodenheimer will nicht recht haben, sagt er – im Vertrauen darauf, daß es stimmt, was er sagt. Rechthaberei nehme der Mitteilung die evozierende Kraft. Beim Lesen fallen einem all die beruflichen Rechthaber ein, Meinungsträger statt Menschen, überzeugte Überzeugen Und wohin ihre Zumutungen führen, in Verbindung mit Eigennutz. "Fruchtbar widersprechende Weiterführung" erhofft der Autor sich von seinen Lesern. Die gehen nach der Lektüre natürlich lieber zur Tagesordnung über. Solange es noch eine gibt.

Hans Daiber

Aron Ronald Bodenheimer:

Verstehen heißt antworten. Eine Deutungslehre aus Erkenntnissen der Psychotherapie Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1987; 255 S., 36,– DM