Von Ulrich Stock

Peter Brötzmann ist einer der profiliertesten deutschen Musiker, seit zwei Jahrzehnten 200 Tage im Jahr unterwegs, um Saxophon und Klarinette vor Publikum zu spielen. Und doch kennen die meisten Leute ihn nicht.

Im Radio ist er wenig zu hören, im Fernsehen sowieso nicht; in den Hifi-Geschäften stehen seine vierzig Platten nur selten und wenn, schmücken sie nie die Auslage. Sie verkaufen sich schlecht.

Wer sich mal in ein Konzert verirrt hat, wird den markigen Namen gewiß im Gedächtnis behalten; zu bezweifeln aber ist, daß der Betreffende am nächsten Morgen im Büro "von der schönen Musik gestern abend" erzählt. Denn schön ist seine Musik nicht.

Dem deutschen Feuilleton ist sein Name ein Markenzeichen. An ihm scheiden sich die Geister. "Immer rücksichtslos" findet ihn die tageszeitung, "als ob Richard Wagner einen Blues komponierte". Für Konkret ist er "die Saft- und Kraftwurzel des Free Jazz", einen "unbeugsamen Aktivisten" nennt ihn der Kölner Stadtanzeiger, "Getöse vom Fließband" hört die Süddeutsche Zeitung, "an Urschreie erinnert" fühlt sich die Hannoversche Allgemeine, "Dröhnemann", "dem handwerklichen Nullpunkt nahe", spottet die FAZ "seine Konsequenz ist bewundernswert", anerkennt die Frankfurter Rundschau, "Barbarentum- und Wildheit" diagnostiziert der Spiegel, der Berliner Tagesspiegel hat seinen "heißen Atem" gespürt. Die Welt sieht ihn "von melodischen Wendungen oder rhythmischen Akzenten weit entfernt". Der sozialdemokratische Vorwärts zitiert gar den Gitarristen Attila Zoller: "Ich kann’s nicht hören, ich möchte alles anstecken oder kurz und klein schlagen, wenn ich eine Weile Brötzmann gehört habe."

Auch die Fachpresse ist sich uneins. Mal wird er im Jazz Podium in einer Plattenkritik als "liebgewordenes Urviech" umschlungen, in einer anderen als "berauschend inspirierter Saxophonist" gefeiert – dann jedoch ist er schon wieder der "Free-Jazz-Masturbator", "der immer genau zu wissen meint, was er dem Publikum zumuten kann".

Da dieser Zeitung (leider) keine Klangprobe beigefügt werden kann, die dem Leser das eigene Urteil erlaubte, soll der Künstler selber sagen, was er denn nun eigentlich für ein Musiker ist: "Ich glaube", sagt Brötzmann, "ich bin ein ziemlicher Jazzmusiker."