Das war schon bühnenreif: Nachdem die Medien nun seit Wochen über das Seehundsterben in der Nordsee berichten und alle Welt vom Mitleid für die Heuler ergriffen ist, inszenierte Umweltminister Klaus Töpfer seinen Auftritt. Ein Notopfer Nordsee soll die mitleidende Nation zu einem großen Konsens zusammenschweißen – zur Rettung der bedrohten See.

Und der Preis ist sogar erschwinglich. Mit maximal 300 Mark mehr Wassergeld im Jahr ist die vierköpfige Verbraucherfamilie dabei. Töpfers Seehundpfennig kostet pro Tag nur gut achtzig Pfennig, gewiß nicht viel für einen heilen Strand an wieder heiler See.

Doch mit Ausnahme der neuen Wasserrechnung hat Töpfers Nordsee-Programm im Gesamtumfang von etwa zwanzig Milliarden Mark, dem Gegenwert der jüngst verabschiedeten Steuerreform, nicht viel Neues zu bieten. Das Programm ist nämlich nur eine Wiederholung des schon Ende Juni kurz vor der Sommerpause im Bundestag verkündeten Zehn-Punkte-Katalogs zum Schutz von Nord- und Ostsee.

Der Inhalt, der besseren Optik wegen mühsam in zehn Punkten aufgegliedert, ist eher mager und gilt im Urteil der Fachwelt als Mogelpackung: Die Kommunen sollen künftig weniger Phosphor und Stickstoff in die Gewässer einleiten, ihre Kläranlagen also entsprechend verbessern. Die Industrie soll diese Stoffe gleichfalls reduzieren; zudem ist eine neue Abwasserabgabe für beide Chemikalien vorgesehen, die wesentlich zur Überdüngung der Gewässer beitragen. Weiter will Töpfer die Industrie verpflichten, bei ihrer Abwasseraufbereitung die neueste Technik anzuwenden, damit künftig eine ganze Reihe weiterer gefährlicher Stoffe zurückgehalten wird. Außerdem will der Minister "darauf hinwirken", daß die Industrie schon früher die Verklappung von Dünnsäure und die Verbrennung von Müll auf hoher See beendet, als auf der Nordseekonferenz im vergangenen Jahr beschlossen wurde. Und damit auch die Bauern bei diesem neuen nationalen Konsens nicht außen vor bleiben, sollen sie ihre Acker auf einem hundert Meter breiten Gewässerrandstreifen nicht mehr düngen. Als Ausgleich dafür gibt es – selbstverständlich – Geld vom Staat.

Den größten Teil der Mittel für dieses Programm sollen die Verbraucher mit dem erhöhten Wassergeld zahlen. Das ist freilich nur der eine Griff in die Tasche. Der andere: Da die Industrie mit mindestens fünf Milliarden Mark an dem Programm beteiligt ist, werden auch diese Kosten selbstverständlich auf den Preis der Produkte, mithin auf die Verbraucher, abgewälzt. Darüber zu klagen ist allerdings müßig. Umweltschutz kostet nun ‚mal Geld, und jede Mark, die heute dafür ausgegeben wird, ist gut angelegt. Eine tote See kommt am Ende alle sehr viel teurer zu stehen.

Ob Töpfers Weg allerdings das richtige Rezept ist, die drohenden Gefahren noch rechtzeitig abzuwenden, ist zweifelhaft. Die Fachwelt jedenfalls ist sich weitgehend einig, daß ein Aufputz bei den Kläranlagen ebensowenig ausreicht wie der sicher gutgemeinte Versuch, die industriellen Verschmutzer wenigstens davon abzubringen, ihre Giftstoffe weiter ungeklärt oder nur mäßig geklärt in die Gewässer einzuleiten. Doch um das große Sterben der Meere, Seen und Flüsse aufzuhalten, bedarf es mehr – nämlich eines generellen Verzichts auf giftige Stoffe überall dort, wo sie nicht in geschlossenen Kreisläufen zu halten sind.

Doch da hat Töpfer vor der Industrie und ihren Warnungen, den Standort Bundesrepublik wegen lästiger Auflagen und unbequemer Verbote zu verlassen, deutlich gekuscht. Schade, denn die Industrie wäre der richtigere Adressat gewesen für einen nationalen Konsens zum Beispiel darüber, auf welche giftigen Umweltstoffe die Verbraucher am ehesten verzichten könnten und sollten. Schließlich ist es nicht damit getan, die gefährlichen Stoffe in den Kläranlagen auszufiltern. Sie sind damit nicht weg, müssen vielmehr irgendwo auf Halde deponiert werden. Dort – oder wo auch immer – sind sie nicht minder gefährlich. Daß es keine Lösung ist, unerwünschte Abfälle hin und her zu schieben, haben die Irrfahrten der Giftfrachter in den vergangenen Wochen eindrucksvoll belegt.