Central Park im Sommer. Um das Bassin des Trinkwasserreservoirs ziehen die Jogger ihre Runden, auf dem Asphalt des Spielplatzes purzeln die Kinder, und alte Frauen putzen ihren Deutschen Doggen mit Cleenex den Hintern. Auf der Höhe der 82. Straße läuft man, dicht neben der 5th Avenue, in eine gesellige Ansammlung kleiner Hügel. Eine Kinderprozession mit Braut und Bräutigam und viel Gold und Silber kreuzt den Weg, über Alexander Hamiltons Denkmal kreist ein Hubschrauber, und eine Schulklasse stürmt die Bodenwelle hinab.

Auf dem Hügel, am Rücken des Metropolitan Museum of Art steht ein Obelisk. Ein steinernes Rondell, am Rand Bänke, die grünen New Yorker Parkbänke. Zwei Frauen fortgeschrittenen Alters zeichnen die Sandstein-Nadel ab. "Ja, ja", sagt die eine zur anderen, und dann lachen beide. Parkgärtner ziehen Bierdosen aus braunen Tüten und lachen den Besucher aus, der am Obelisken hochschaut: "He’s jealous, man."

Zwölf Meter hoch ist der Obelisk, und im Führer heißt er "Cleopatra’s Needle". Er stand, so sagt es die Bronzetafel am Fuß, zuerst in Heliopolis, 1600 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Vierhundert Jahre darauf brachten ihn die Römer nach Alexandria. Da war er länger als dreitausend Jahre, bis ihn 1881 der Khedive von Ägypten der Stadt New York schenkte. William H. Vanderbilt finanzierte die Aufstellung, und seither steht Cleopatras Nadel an dieser Stelle im Central Park.

Wir lehnen uns über die glatten Eisenstangen der Umzäunung und entziffern auf einer Bronzetafel die Übersetzung der Hieroglyphen: "Der Starke Bulle, König von Ober- und Unterägypten, der erwählte Re, der mächtig an Jahren und groß an Siegen ist, der alles Leben und Stabilität und Herrschaft für immer... setzt seinem Vater Aton dieses Monument, diese zwei großen Obelisken, deren Pyramiden aus Gold sind..."

Wir blicken nach oben. Das Gold ist weg. Aber auch die Hieroglyphen. Es ist nichts zu sehen, kaum eine Vertiefung auf der schwarzen, porös gefressenen Oberfläche. Und dann kommt die schlimme Entdeckung: Die Ostseite des Steins ist glatt und unbeschädigt, gestochen scharf sitzen die Hieroglyphen im Sandstein. Auf der Nordflanke sind die Schriftzeichen knapp lesbar, an der Südseite ist das meiste verschwunden, nur auf der Westseite ist wirklich alles weggefressen.

Dreieinhalbtausend Jahre hat der Obelisk in Ägypten gestanden, dann ist er hierher gekommen. Und neunzig Jahre Ostwind aus dem Stahl- und Kohlerevier, neunzig Jahre Pesthauch aus dem Inneren des industrialisierten Amerika, neunzig Jahre Luft aus Pittsburgh haben ihn erledigt.

Mathias Greffrath