Wenn der Pulsschlag sinkt, das Schwindelgefühl steigt und kalter Schweiß den Nacken herunterrieselt, wissen Leidgeprüfte: Sie sind reisekrank. Besonders Kinder vom achten Lebensjahr an und sensible Erwachsene haben mit dieser unangenehmen, aber nicht unbezwingbaren Erscheinung zu kämpfen.

Ein großer Koffer wäre nötig, wollte man alle Mittel gegen die Reiseübelkeit vorbeugend mitnehmen. Rosa Pillen, weiße Dragees, gelbe Kapseln, Spritzen, Tropfen, Zäpfchen – der Vielfalt und den Preisen sind keine Grenzen gesetzt. Zwischen fünf und 50 Mark kostet ein Einzelpräparat, je nach Menge und Wirkungsdauer. Den Rekord in beidem hält ein verschreibungspflichtiges Membranpflaster, das hinter die Ohren geklebt 72 Stunden lang unbeschwertes Reisen verspricht.

Die billigste Medizin kommt aus dem Gemüsegarten. Großmutters Kräuterlexikon empfiehlt Petersilie, die, an einem Faden um den Hals gebunden, selbst chronisch Leidende Windstärke zehn und Haarnadelkurven mit britischer Gelassenheit ertragen lassen soll. Ein besonders für Kinder geeignetes Mittel ist das Vitamin B 6, das in jeder Apotheke in Form von Kaugummi angeboten wird. Da der Wirkstoff über die Mundschleimhaut in den Körper gelangt, tritt die Übelkeitshemmende Wirkung schneller ein als bei anderen Präparaten.

Amerikanische Forscher fanden heraus, daß sich auch die Ingwerwurzel gut zur Bekämpfung der Reisekrankheit eignet. Bisher gibt es jedoch nur ein einziges Präparat in der Apotheke, das aus der Wurzel hergestellt wird. Ein anderer pflanzlicher Wirkstoff, den vor allem homöopatische Mittel enthalten, ist der Samenextrakt einer Schlingpflanze aus Vorderindien: Ana mirta cocculus. Die "Kokkelskörner" wurden wegen ihrer stark betäubenden Wirkung im Mittelalter zum Fischfang eingesetzt: Die schlaftrunkenen Fische trieben an die Wasseroberfläche und konnten so mit der bloßen Hand gefangen werden.

Nahezu alle Reisemedikamente beeinträchtigen die Konzentration und machen müde. Durch die Zugabe von Coffein soll diese Begleiterscheinung ausgeschaltet werden. Da die einzelnen Bestandteile je doch zu unterschiedlicher Zeit ihre Wirkung entfalten, sind solche Kombinationspräparate nicht empfehlenswert.

Wer Reisetabletten genommen hat, sollte sich unterwegs lieber an Fruchtsäfte als an Spirituosen halten. Alkohol tritt mit den meisten Präparaten in Wechselreaktion. Schwangeren Frauen ist von Reisemedikamenten wegen erhöhter Gefahr von Mißbildungen ganz abzuraten. Da die Medikamente Puls und Blutdruck senken, müssen auch Herzkranke vorsichtig sein.

Eine alternative Methode für alle, die nichts schlucken wollen, bietet die chinesische Medizin. Magnetische Pflaster, Ohrclips und Druckarmbänder, die auf dem Prinzip der Akupressur beruhen, werden in Apotheken, teilweise sogar von den Reiseveranstaltern selbst angeboten. In 70 Prozent aller Fälle – so das Versprechen des Herstellers – sollen sie helfen. Nur Fettpölsterchen würden die Wirkung herabsetzen. Träger von Herzschrittmachern müssen wegen der magnetischen Wirkung vorher ihren Arzt befragen. Die billigste Lösung: Akupressur selbstgemacht. Durch Druck und Massage spezieller Punkte am Ohr und unterhalb der Armbeuge können Übelkeit und Schwindelgefühl abgewendet werden. Wer mehr darüber wissen möchte, der sollte sich im Buchhandel nach der entsprechenden Literatur umsehen.

Leslie Rowe