Der Mangel spaltet die polnische Gesellschaft in zwei Klassen

Von Nikolaus Piper

Der Eintritt in den Kapitalismus kostet in Warschau 300 Zloty. Soviel muß man bezahlen, um sonntags auf das Gelände des Arbeitersportclubs Skra im Stadtteil Ochota zu gelangen – zum größten und traditionsreichsten Flohmarkt Polens. "Flohmarkt" ist dabei nur eine ungenügende Bezeichnung für das Treiben rund um das Stadion von Skra; in Wirklichkeit handelt es sich um eine sehr polnische Mischung aus orientalischem Basar, Schwarz- und Supermarkt im Freien.

Hier kristallisiert sich ein levantinischer Kleinkapitalismus, der mehr und mehr den polnischen Alltag prägt: Während die politische Führung um General Wojciech Jaruzelski – bisher vergeblich – versucht, in einer "zweiten Etappe der Wirtschaftsreform" die Dauermisere des geplagten Landes zu beenden, ist die desillusionierte Bevölkerung dazu übergegangen, ganz auf eigene Faust ein bißchen privaten Wohlstand zu ergattern.

An die hunderttausend Menschen mögen es sein, die sich Sonntag für Sonntag auf Skra drängeln. Warschauer sind es, aber auch Besucher aus dem Umland bis hin nach Lublin, Lodz und Bromberg. Sogar Autos mit sowjetischen Kennzeichen stehen auf den Parkplätzen am Stadion. Hier gibt es – zu horrenden Preisen – all die Dinge zu kaufen, nach denen die Polen in den staatlichen Geschäften vergebens suchen: modisch geschnittene Röcke aus heimischer Produktion, sowjetische Farbfernseher, koreanische Videogeräte, Spielzeugeisenbahnen aus der DDR, Deo-Sprays aus der Bundesrepublik.

Oft ist es nur wenig, was so ein Händler anzubieten hat: Ein Halbwüchsiger verkauft seine Jeansgarnitur, ein anderer zwei Lacoste-Hemden zweifelhaften Ursprungs, eine Hausfrau Unterwäsche und Strümpfe. An einer Ecke gibt es einen illegalen Devisenmarkt für (nicht-konvertible) Rubel und Mark der DDR, an einer anderen einen Lautsprecherdienst, der – gegen Gebühr – Angebote und Kaufgesuche verliest.

Und Skra ist bei weitem nicht die einzige Nische der Marktwirtschaft in der polnischen Hauptstadt. Entlang der Marszalkowska und der Jerozolimskie, den großen Einkaufsstraßen Warschaus, verdienen unzählige Blumenfrauen und Gemüsehändler ihr Brot; es gibt private Verkaufsstände für Würstchen und Fruchtsäfte, freie Wochenmärkte in den Vororten versorgen die Bevölkerung mit dem Nötigsten.