/ Von Alexander v. Kekulé

Drei Männer waren ausgezogen, das enfant terrible der französischen Wissenschaft zu lehren, was ordentliche Forschung sei. Aber was die drei im Labor des Pariser Medizinprofessors Jacques Benveniste am Nachmittag des 5. Juli 1988 mitansehen mußten, überstieg bei weitem ihre Vorstellungskraft: Menschliche Blutzellen reagierten auf Antikörper, die – jedenfalls nach mathematischem Ermessen – gar nicht vorhanden waren. Benveniste: "Die lagen flach auf dem Boden."

Die in diese Lage gebrachten Besucher des staatlichen Forschungsinstituts "Inserm 200" stellten das "unabhängige Beobachterteam" dar, dessen inspektorische Tätigkeit zwischen Doktor Benveniste und der angesehenen naturwissenschaftlichen Zeitschrift Nature vereinbart worden war eine bisher einmalige Vorbedingung für die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit. Ungewöhnlicher noch war die Zusammensetzung des Kontrollteams: Nature-Chefredakteur John Maddox, der persönlich angereist war, hatte sich als Begleiter zwei, wie er selbst einräumt, "recht ungewöhnliche" Experten auserkoren. Der eine, Walter Stewart, ist als selbst ernannter Wächter über die Fachliteratur berühmt für seine Aufdeckungen von Pfusch und Betrug in der Forschung und berüchtigt für seine umstrittenen Untersuchungsmethoden. Der andere, James Randi, beschäftigt sich für gewöhnlich mit Phänomenen eher unwissenschaftlicher Art; er ist Zauberkünstler.

Die "Nachprüfung durch wache Mitglieder der scientific Community", der sich das Trio in Paris widmete, hatte Nature Ende Juni im Vorspann zu Benvenistes Bericht über seine erstaunlichen Forschungsergebnisse versprochen (ZEIT Nr. 31/88). Eine Woche später nun fand sie im staatlichen Forschungsinstitut Inserm 200 statt. Es galt, der in hellen Aufruhr geratenen wissenschaftlichen Welt Beweise dafür zu liefern, daß sich Benveniste geirrt hatte – oder aber zwei Jahrhunderten abendländischer Forschung den Gnadenstoß zu geben.

Euphorische Homöopathen

Eineinhalb Tage lang hatten die Beobachter an drei Wiederholungen des unglaublichen Experimentes teilgenommen, das Homöopathen wie Schulmediziner seit Wochen gleichermaßen in Atem hielt: Benveniste’s Assistentin versetzte basophile Granulozyten, eine bestimmte Art weißer Blutzellen, mit einer Lösung aus Antikörpern. Solche Antikörper bewirken bei Berührung mit den Granulozyten die gleiche Reaktion, durch die umherfliegende Pollen bei Allergikern den "Heuschnupfen" auslösen: Die Zellen zerplatzen und setzen entzündungsfördernde Substanzen frei, die Schleimhäute schwellen an, die Augen beginnen zu tränen. Nach Anfärben mit einem Farbstoff läßt sich in einer Spezialkammer unter dem Mikroskop leicht auszählen, wieviel Prozent der Granulozyten zerplatzt sind, also auf die zugesetzte Antikörperlösung reagiert haben.