Genfer Separatisten wollen aus der Eidgenossenschaft ausscheren und eine eigene Republik gründen

Von Fredy Gsteiger

Heimatlich", wird sich der typische Schweizer, falls es ihn denn geben sollte, denken, wenn er in Genf den Cornavin-Bahnhof verläßt und die Rue du Mont-Blanc hinunterschlendert. Die Schaufenster sind vollgestopft mit Schokolade, Schweizer Armbanduhren nobler Marken, Kuckucksuhren (die aus unerfindlichen Gründen im Ausland der Schweizer Handwerkskunst zugeschrieben werden) sowie Hundertschaften von Armee-Taschenmessern – als gelte es, mit ihnen einen Angriff auf die Schweizer Neutralität abzuwehren. Alles sei hier aus 18 Karat Gold, hat Graham Greene in seinem Roman "Doktor Fischer aus Genf" geschrieben; freilich gebe es für ärmere Leute auch Sachen in Silber und Leder. Die Straßen sind proper. "Hier gibt es keinen Hundekot, keine Clochards und keine Graffitis", sagt ein Gärtner im gediegenen Beaulieu-Viertel. Kein Wunder, daß schon André Gide es nicht gewagt hat, Zigarettenkippen in den See zu werfen. Am See unten blinken weithin sichtbar die Leuchtschriften der Zürcher Großbanken. Soweit das schweizerische Genf.

Doch die Schweizer und ihre Banken sind in Genf nicht allein. In den Kiosken finden selbst Arabisch Sprechende reiche Lektüre. Die beiden berühmtesten "Genfer", Rousseau und Calvin, werden (heute jedenfalls) gerne von Frankreich beansprucht. Und der seine Fontäne 140 Meter hoch spuckende Springbrunnen im See, der "Jet d’eau", mag als Wahrzeichen der Stadt unschweizerisch kühn erscheinen. Selbst die Schwäne um die Rousseau-Insel recken ihre Köpfe uneidgenössisch stolz. Daß das Gespräch mit Genfs Bürgermeister im nicht gerade urgenferischen "Red Ox Steak House" stattfindet, ist da bloß noch ein Detail. Genf ist eben auch Weltstadt.

Man kann es mit der Betonung des internationalen Charakters freilich übertreiben: Ein Ostschweizer Musiker unterhielt kürzlich während eines Nachtessens die Finanzminister der Schweizer Kantone. Zur Freude jedes der Repräsentanten spielte er jeweils ein Stück aus dem jeweiligen Kanton. Gedämpft fiel allerdings der Applaus des Genfer Kassenwartes Robert Ducret aus. Denn Genf zu Ehren bot der Ostschweizer die Marseillaise ...

Populäre Vorwürfe

Wenn Genf auch nie eine typische Schweizer Stadt war, überrascht doch, daß hier seit einigen Monaten Gruppierungen offen für eine Republik Genf nach Liechtensteiner oder monegassischem Vorbild eintreten. Mit offensichtlich populären Vorwürfen an die Adresse der Schweiz vermochten sie, in kürzester Zeit den Weg zur Volksseele zu finden und sich eine stattliche Anhängerschaft aufzubauen. Erstaunlich und für viele Nicht-Genfer im Land gar erschreckend ist, daß vom Fernsehen auf dem Markt wahllos angesprochene Genfer das Vorhaben zumindest als bedenkenswert beurteilten.