Von Wieland Schmied

Als der Turiner Verlag Einaudi 1979-1983 seine zwölfbändige "Storia dell’ Arte Italiunter der Herausgeberschaft von Giovanni Previtali und Federico Zeri erscheinen ließ, markierte dies in zweifacher Hinsicht ein Ereignis zeitgenössischer Kunstgeschichtsschreibung: Zum einen hat, es seit Jahrzehnten keinen Versuch mehr gegeben, die Kunst eines Landes – eines Kulturraumes oder einer Nation – in einer mehrbändigen Publikation detailliert darzustellen, zum anderen unterschied sich diese Geschichte der italienischen Kunst grundlegend von ihren Vorgängerinnen. Sie verzichtet auf eine chronologische Gliederung des Stoffes (nur drei der zwölf Bände berücksichtigen die chronologische Perspektive in der Abfolge der Kapitel).

Entstanden ist ein Kompendium der Gelehrsamkeit ganz eigener Art: ein Kaleidoskop von Essays, aus dem ein Feuerwerk von Fakten, Zitaten und Gedanken, anekdotenhaften Dokumenten, anregenden Assoziationen und überraschenden Thesen sprüht und den Leser stellenweise mit einer verwirrenden und widersprüchlichen Mannigfaltigkeit der Panoramen und Perspektiven allein läßt.

Aus dem Sammelwerk des Verlags Einaudi aber hat der Verleger Klaus Wagenbach jetzt die seiner Meinung nach wichtigsten Beiträge ausgewählt und in einer zweibändigen deutschen Ausgabe vorgelegt.

Wagenbach, dessen Herz seit langem der Kunst der Renaissance gehört (wir erinnern nur an die Herausgabe von Peter Burkes unübertroffenem Standardwerk "Die Renaissance in Italien") tat gut daran, dem deutschen Publikum nicht eine Übersetzung des Gesamtwerkes zuzumuten, sondern sich mit einer Auswahl der wichtigsten Essays zu begnügen. Natürlich läßt sich jede solche Auswahl bekritteln. In diesem Fall kann ein Einwand vernünftigerweise aber nur der Beschränkung der Auswahl auf gerade zehn Essays gelten. Mußte die deutsche Ausgabe – die jetzt nach wenigen Monaten schon in die zweite Auflage geht – wirklich so knapp ausfallen? Es ist vielleicht das höchste Lob, das wir Wagenbachs "Italienischer Kunst" zollen können, wenn wir nach der Lektüre empfinden, es hätten doch ruhig ein paar Aufsitze mehr sein dürfen,daß wir nicht böse gewesen wären, statt zwei Bänden drei oder gar vier in der Hand zu haben?

In diesem Punkt sind wir auch nicht ganz der Meinung Willibald Sauerländers, der in seinem anregenden Vorwort schreibt: "Es war richtig ..., die Texte über das Mittelalter und über die neuere Zeit auszusparen und dem deutschen Leser (nur die) Abhandlungen zum goldenen Zeitalter der italienischen Kunst zwischen dem Trecento und der sogenannten Hochrenaissance vorzulegen." War diese weitgehende Konzentration auf die Renaissance wirklich richtig? Wäre es nicht im Gegenteil reizvoller gewesen zu sehen, wie die Anwendung der gleichen "pluralistischen und problemorientierten Optik" funktionierte, wenn der Fokus einmal auf das Mittelalter (die Zeit vor Giotto – gewissermaßen die "Vorgeschichte" der italienischen Kunst), einmal auf Renaissance, Barock und Moderne eingestellt ist? Klappt es mit dieser faszinierenden Optik nur, wenn die Distanz groß genug ist, oder kann sie auch Phänomene wie Futurismus und Pittura Metafisica, Arte Pora und Transavanguardia detailscharf und übersichtlich erfassen?

In wohl keinem anderen europäischen Land hängt die Kunst des 20. Jahrhunderts so eng, so innig mit der Vergangenheit zusammen wie in Italien. Und gerade das hätte im Kontext der "Italienischen Kunst" eine "neue Sicht auf ihre Geschichte" – so der Untertitel des Werkes – wohl zu leisten vermocht. Vielleicht ermutigt der Erfolg der deutschen Ausgabe Klaus Wagenbach jetzt noch zu einem Ergänzungsband, der den Bogen von der Renaissance zur Gegenwart spannt. Und vielleicht ermutigt die hier vorgelegte neue Sicht auf die "Italienische Kunst" einen der großen deutschen Verlage, etwas Vergleichbares für die Geschichte der deutschen Kunst zu versuchen.