Auf dem Platz vor dem Münster speit das grünspanige Brunnenrohr fröhlich vor sich hin, scharf in die Mitte eines großen Beckens zielend, und der Wind, ein wenig zerstreut, raschelt in den Kastanienbäumen. Deren weiße Blütenkerzen haben sich längst in stachelige grüne Frucht verwandelt, die Tage sind schon wieder kürzer.

Rastlose Tauben, flatternd, gurrend. Von den Türmen segeln sie in weiten, grauen Bögen herab. Kindergeschnatter, Familienpulks, ein Häuflein Kunststudenten. Man trinkt ein Täßchen Mokka draußen auf dem Platz, an wackeligem Tisch vor der Tür eines etwas vergilbten Cafés, und schaut noch ins örtliche Blatt: furchtbarer Mord in der Unterstadt.

Das wird ein heißer Tag, denkt man, die Sonnenuhr unterm Dachfirst zeigt knapp halb elf, und man steht auf und geht hinüber, um vor der Weiterfahrt die Kirche noch zu sehen, das berühmte Münster, im Reiseführer mit gleich drei Sternen bedacht.

Der weite Raum ist kühl, die Orgel spielt, durch hohe Fenster springt bunt das Licht. Man staunt, wie’s sich gehört, und blickt empor: Die Decke wurde wohl gerade frisch getüncht und leuchtet himmelblau. Rotgolden funkeln die Kapitelle, die Schlußsteine des gotischen Gewölbes, und betäubend fast strahlt aus der schmalen Apsis das gewaltige goldene Himmelstheater des barocken Hochaltars. Man blickt hoch, umher, sucht auf der Empore den Organisten, der mit seinem Spiel den Raum so wundersam zum Blühen bringt – und spürt mit einem Mal unter den Füßen eine Schwelle. Einen Riß. Unebenheiten. Man schaut zur Erde und sieht, daß man auf einer Grabplatte steht, ja, daß der ganze Boden dieses Seitenschiffs mit Grabplatten bedeckt ist. Unmöglich, sie zu umgehen. Unmöglich, nicht auf sie zu treten: die Namen der Toten, ihr letztes Gebet, ihr letzter Segen in den Stein gehauen.

Graf Sommelbeck und ein Fräulein aus der Familie Hofstetten. Ein Chorherr dort und hier ein herrschaftliches Paar (noch sieht man ihre Silhouetten blaß im Stein), und dies ist das Wappen derer von zu Fuehls. Am Fuß der Platte, nur noch Schemen, ein Totenkopf: zwei schwarze Löcher, was einmal die Augen waren. 1540 – da wütete die Pest. 1625 – das war mitten im Dreißigjährigen Krieg. Und 1790 – da arbeitete in Paris schon die Guillotine.

Hierhin, in die Kirche, in das Seitenschiff, haben sie sich gerettet, die Reichen, die Privilegierten, noch im Tod vom Volk apart. Hier, dachten sie, könnten sie in ihren Gräbplatten, in ihren mächtigen Gruftsiegeln überleben: Daß bis ans Ende der Welt ihr Name, ihr Sein unvergessen bleibe. Und wenn die anderen, die Gewöhnlichen, die Armen, draußen auf dem Friedhof längst verfault, deren Gräber längst eingeebnet, die Namen verloschen und vergessen sind – dann wird Gott sie noch persönlich rufen, ihre Grüfte öffnen am Jüngsten Tag und sie bei ihren Namen nennen. So haben sie es sich im Stillen wohl gedacht, es sich in ihrer letzten Stunde trostreich ausgemalt... Dafür haben sie den Marmor bezahlt, er war entsetzlich teuer, und den Meister, der Schrift und Schmuck entwarf. Auch beim Domkapitel noch ein wenig nachgeholfen, was die Lage – so nah am Hochaltar! – betraf.

Aber jetzt laufen wir über ihre Grüfte, und mit jedem Fuß, mit jeder (Turn-)Schuhsohle, die den Stein berührt, wird wieder ein Bruchteil Millimeter ihrer Hybris Staub. So verblassen ihre Gesichter, lösen sich ihre Namen, ihre Lebensdaten auf, bis am Ende nur die nackte Platte übrig bleibt, leer – wie der Steinmetz sie vor sich hatte, als er seine Arbeit begann. Tabula rasa.

Die Orgel spielt, und es klingt tatsächlich wie himmlisches Jubilieren. Man setzt sich einen Augenblick in eine Bank und denkt, daß man heute ja noch weiter muß und wann der nächste Zug den Ort verläßt. Daß man auch noch im Hotel vorbei und den Koffer holen muß. Und daß die Tage wieder kürzer werden. Benedikt Erenz