Von Erika Martens

Dienstag, 9. August 1988: Das Ultimatum des Norddeutschen Rundfunks (NDR) läuft ab. Drei der vier Arbeitnehmerorganisationen im Sender haben schon der Geschäftsleitung ihr Einverständnis zu einer freiwilligen Schlichtung signalisiert. Damit könnte der seit Monaten schwelende Tarifkonflikt in der zweitgrößten Rundfunkanstalt vielleicht doch noch friedlich beigelegt werden. Doch die Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU), die fast die Hälfte der NDR-Mitarbeiter zu ihren Mitgliedern zählt, läßt ihren Tarifkontrahenten noch im ungewissen. Erst kurz vor 13 Uhr erfährt NDR-Intendant Peter Schiwy per Telephon, daß die größte Organisation seines Hauses sich auf die Schlichtung nicht einlassen will. Die Hoffnung auf eine friedliche Lösung ist dahin. Einstimmig hatte der RFFU-Hauptvorstand am Dienstag morgen sein "Nein" beschlossen und zugleich die Urabstimmung angekündigt, ohne einen genauen Termin zu nennen. Für Gespräche sei die RFFU aber "offen", teilte sie mit. Und auf Warnstreiks wolle sie – wie die übrigen Organisationen – vorerst verzichten.

Daraufhin zog der NDR seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht Hamburg zurück. Mit diesem Verfahren, das sich nicht nur gegen die RFFU, sondern auch gegen die mit etwa 500 Mitgliedern zweitstärkste Organisation im NDR, die Deutsche Angestellen-Gewerkschaft (DAG), richtete, wollte der NDR sich seine Rechtsauffassung bestätigen lassen, daß Warnstreiks nach dem Abbruch der Gespräche unzulässig seien. "Außer sehr viel Spesen nichts gewesen", kommentiert Stefan Meuschel von der DAG erbost. Sein Ärger ist verständlich, schließlich wurde er extra aus dem Urlaub zurückgeholt.

Entzündet hatte sich der Tarifstreit beim NDR vor allem an der Laufzeit des neuen Tarifvertrages und der Weigerung des NDR, zusätzliche Planstellen im Zusammenhang mit einer Arbeitszeitverkürzung verbindlich zuzusagen. In insgesamt zehn Verhandlungs- und Gesprächsrunden habe die RFFU, beteuert ihr Vorstandsmitglied Herbert Klein, dreißig Tarifmodelle vorgelegt. Alle seien von der Leitung des Hauses nicht akzeptiert worden. Dazu gehörte, berichtet das Hamburger RFFU-Mitglied Friedhelm Klinkhammer, auch die Offerte, die Arbeitszeit auf 37,5 Stunden zu verkürzen, dafür aber zwei Jahre lang auf Gehaltszuwachs zu verzichten. Er begründet diesen ungewöhnlichen Schritt mit der Stimmung unter den Kollegen: "Wir berichten fast täglich über die Arbeitslosigkeit und tun selber nix, um sie zu beseitigen."

Peter Schiwy hält diesen Vorschlag dennoch nicht für realisierbar. Zum einen wäre der NDR mit seiner komplizierten Beschäftigtenstruktur durch den großen Schritt der Arbeitszeitverkürzung "organisatorisch überfordert" gewesen. Zum anderen fürchtete er nach zwei Jahren Nachschlagsforderungen. "Und dann wäre das alles viel teurer gewesen."

So blieb das Angebot des NDR – sehr zum Verdruß der Gewerkschaften – im Rahmen des Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst. Seine Kernpunkte:

  • Lineare Gehaltserhöhung um 2,4 Prozent vom 1. August an, vom 1. Februar 1989 an weitere 1,4 Prozent und schließlich vom 1. Februar 1990 an noch einmal 1,7 Prozent.
  • Die Arbeitszeit wird vom 1. Januar 1990 an auf 38,5 Stunden verkürzt, Laufzeit bis Ende 1992.