Die Weltorganisation steht in der schwersten Finanzkrise ihrer Geschichte

Von Peter Bardehle

New York, im August

Am East River in Manhattan herrscht Hochstimmung: Die Vereinten Nationen werden wieder gebraucht. UN-Unterhändler berichten von Fortschritten an fast allen Krisenherden der Welt: Afghanistan, Mittlerer Osten, Namibia, Kambodscha, Zypern. Binnen zehn Monaten ist die Stimmung umgeschlagen, von Resignation in Optimismus: Die Weltorganisation scheinbar abgemeldet aus der Weltpolitik, mischt wieder mit. "Jahrelang habe ich so viel Aktivität hier nicht gesehen", sagte ein Sicherheitsbeamter im Hauptquartier. Zusammen mit ihm wachten Kamerateams am Eingang des 38 Stockwerke hohen Glasbaus. Seit gut zwei Wochen berichteten sie über die Verhandlungen des UN-Generalsekretärs Pérez de Cuéllar mit den Parteien im Golfkrieg.

Am Montag nachmittag konnte Pérez de Cuéllar endlich mit Genehmigung des Sicherheitsrates den Erfolg verkünden. Es war die erste Ratssitzung im August. Der Generalsekretär blickte entspannt wie schon lange nicht mehr. In einer zwei Minuten langen Rede verkündete er offiziell den lang ersehnten "D-Day", den Tag des Waffenstillstands zwischen Iran und Irak: beginnend am 20. August um drei Uhr Weltzeit. Nach dem wichtigsten Satz seiner Rede: "Die Regierungen des Iran und des Irak haben diesem Datum zugestimmt", klatschten seine Mitarbeiter im Saal leise Beifall.

Sie haben mühsame Tage hinter sich. Oft brannten die Lichter im 38. Stock des UN-Hauptquartiers bis Mitternacht. In den zwei Verhandlungswochen konferierte der Generalsekretär sieben Mal mit dem Außenminister des Iran, vier Mal mit dessen Amtskollegen aus dem Irak und immer wieder mit den UN-Botschaftern beider Staaten. Gemeinsame Gespräche der Noch-Feinde gab es nicht, obwohl der Irak sie als unerwartete Vorbedingung für einen Waffenstillstand gefordert hatte. Tagelang blockierte der Irak damit die Gespräche, doch die Vermittler setzten auf internationalen Druck. "Wir schaffen es", prophezeite ein Mitarbeiter des Generalsekretärs am Donnerstag vergangener Woche den immer stärker zweifelnden Journalisten. Am Freitag erklärte ein Diplomat der Bonner UN-Mission: "Wer zuerst geht, hat verloren." Wenige Stunden später flog der Iraker ab. Noch vor Ende des nächsten Tages erklärte Iraks Präsident Saddam Hussein, daß er ohne Vorbedingung mit einem Waffenstillstand einverstanden sei.

Der Durchbruch im Golfkrieg ist der zweite greifbare Erfolg der Uno binnen eines halben Jahres. Mindestens ebenso spektakulär sind die Afghanistan-Verträge, die Mitte April in Genf unterzeichnet wurden. Ihr Spiritus rector war der zähe Untergeneralsekretär Diego Cordovez. Obwohl Cordovez vor zwei Wochen zum Außenminister Ecuadors ernannt wurde, bleibt er weiterhin als UN-Beauftragter für Afghanistan zuständig und macht so seine Anwartschaft auf den Posten des Generalsekretärs deutlich, falls der gesundheitlich angeschlagene Pérez de Cuéllar vorzeitig sein Amt aufgibt.