Ist der Westen nicht allzusehr geneigt, den Osten über einen Leisten zu schlagen und statt nach Unterschieden, ja Widersprüchen zwischen der Sowjetunion und Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei zu fragen, in ihren unterschiedlichen Formen von Perestrojka und Glasnost stets nach Analogien zu suchen?

Beispiel Vergangenheitsbewältigung: Die Wahrheit müsse ans Licht kommen, fordert der sowjetische Historiker Jurij Afanassjew, Intellektuelle aus Polen und Ungarn drängen nicht minder; es dürfe keine Tabus mehr geben, die Archive seien zugänglich zu machen und alles, was bislang durch Ideologie verzerrt worden sei, müsse nun ins rechte Licht gerückt werden.

Doch meinen dieselben Worte bei den einen auch dasselbe bei den anderen?

In der Sowjetunion geht es zunächst darum, die Fakten aufzudecken. Niemand vermag genau zu sagen, wie viele Millionen Sowjetbürger Stalin liquidierte. Wie viele Menschen kamen bei der Hungersnot in der Ukraine Anfang der dreißiger Jahre um? Wie viele wurden nach Schauprozessen hingerichtet, nach Sibirien deportiert? Wie viele Militärs verschwanden Ende der dreißiger Jahre aus der Armeeführung? Waren es 30 Millionen oder gar 50 Millionen? Stalins Krieg gegen die eigene Bevölkerung, das wird immer mehr zur Gewißheit, hat die Nation mehr Menschenleben gekostet als der Zweite Weltkrieg.

Wo so viel Unrecht zugestanden wird, läßt sich die Schuldfrage nicht umgehen. Allein mit dem Verweis auf Stalins Tyrannei ist sie schon lange nicht mehr zu beantworten. Die kommunistische Partei, aber auch jeder Bürger muß sich befragen lassen: Welche politischen Strukturen haben den Terror ermöglicht? Trägt die Verantwortung allein das Kollektiv oder hat auch jeder Einzelne Mitschuld? Vergangenheitsbewältigung in der Sowjetunion rührt an das nationale und individuelle Selbstverständnis.

Bei anderen osteuropäischen Nationen sieht das anders aus. Wenn die Ungarn auf die Rehabilitierung von Imre Nagy, ihrem 1956 nach dem Aufstand gestürzten und zum Tode verurteilten Ministerpräsidenten, pochen, wenn die Esten, Letten und Litauer fordern, das geheime Zusatzabkommen vom Ribbentrop-Molotow-Pakt (1939) zu veröffentlichen, das ihre Länder der Sowjetunion zuschlug; oder wenn die Polen die Wahrheit über Katyn einklagen, wo über 4000 polnische Offiziere 1940 vom sowjetischen Geheimdienst umgebracht wurden, dann hat all dies nichts mit Unrecht zu tun, das sie anderen zufügten, und nichts mit Schuld, die sie dadurch auf sich geladen hätten. Diese Nationen stehen nicht im Widerstreit mit sich selbst, sondern mit dem ungeliebten großen Bruder. Sie sind auch nicht auf der Suche nach der Wahrheit (denn sie kennen sie bereits), sondern fordern ihr Eingeständnis durch die Sowjetunion.

Wo die Debatte in Moskau zur individuellen Verantwortung hinführt, ermutigt sie die Völker Mitteleuropas zur Verteidigung ihres kollektiven Rechts. Doch wo die Sowjetbürger die Chance haben, aus dem Eingeständnis eigener Verbrechen, Fehler und Schwächen Stärke zu gewinnen, droht den osteuropäischen Gesellschaften, in der Rolle der politisch Unterdrückten in Moralismus oder Selbstgerechtigkeit zu erstarren. Schon vor über 30 Jahren warnte der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz seine Landsleute: "Die Geschichte hat uns gezwungen, in uns nur gewisse Merkmale unserer Natur zu richten – wir sind überstilisiert."