Hingelümmelt in tiefe, schwarze Kunstledersessel, warten wir auf den Abflug. Fast alle in bunten, kurzärmeligen Hemden, Shorts und Strandschuhen. Vor dem geistigen Auge wiegen sich schon die Palmen. Gleich wird die Lampe über dem Ausgang aufblinken. Reisen ist heute ja so einfach: Gepäck abgeben, einsteigen, starten und kurz darauf in der Sonne liegen.

Ein bißchen Warten schadet nichts. Zudem berieselt uns beruhigende Chopin-Musik (sogar in der Bar und auf dem Klo). Eigentlich müßte das bereits mißtrauisch machen: Wozu ertränkt man uns in beruhigender Musik, wenn gar kein Grund zur Beunruhigung vorliegt?

Zeit zum Schmökern: "Lesen Sie diesen Artikel in der Abflughalle eines westeuropäischen Flughafens? Dann lassen Sie sich Zeit. Sie werden feststellen, daß Sie auch Zeit finden, den Rest der Zeitschrift zu lesen", läßt mich ein englisches Magazin wissen. Das macht Mut.

Je länger wir warten, um so mehr kommt mir das süße, blonde Baby eine Sitzreihe weiter als ewig quengelndes Gör vor. Und der nette Herr neben mir, den ich zuerst für einen amüsanten Plauderer hielt, ist zum lästigen Schwätzer geworden. Er erzählt von breitengradabhängigen Schlechtwetterlagen auf der Weltkugel, die zusammen mit monetärem Spielraum zu zeitlich befristeten Völkerwanderungen führten. Was wohl erklären soll, weshalb wir nun schon seit drei Stunden warten.

Die anfänglich so einladenden Sessel werden immer unbequemer. Das Baby wird immer lauter. Chopin kommt nur noch schwer gegen die Nervosität, an. Warum, fragen sich meine luftverkehrspolitisch unbelasteten grauen Zellen beim Überfliegen der Tagesneuigkeiten, sollte uns der Fluglotsenstreik in Palmanien stören, wenn wir doch auf die Kaliben wollen?

Die Zeitungslektüre befriedigt nicht länger. Dann doch lieber ein Buch lesen. Leider ist die Bücherauswahl am Zeitungsstand nicht berauschend: "Auf Adlersschwingen", "Vom Winde verweht" oder "Freiheit der Lüfte" hier im Warteraum mit dem Ambiente eines Waschsalons zu lesen, ist frustrierend.

Mittlerweile sind wir alle soweit, jedem Uniformierten, der die Abflughalle betritt, hoffnungsvoll entgegenzustarren. Doch der erste will nur die überquellenden Aschenbecher leeren. Der zweite muß die Neonröhre auswechseln. Und der dritte – unser Haupthoffnungsträger, da zwei goldene Streifen am Ärmel tragend – faselt etwas von technischen Problemen. Nach acht Stunden sind wir so entmutigt, daß wir im kleinsten Wölkchen den Vorboten einer Nebelfront sehen, die den Flugverkehr auf Tage hinaus lähmen könnte. Dabei stünde uns inzwischen bereits der erste Sonnenbrand zu. Die klimaanlagenbedingte Erkältung ist aber in Wahrheit näher. Wer immer behauptet hat, beim Urlaub sei das Hinkommen das halbe Vergnügen, hat unrecht. Hinkommen ist die große Kunst, das heikle Problem, komplizierter als zu Jules Vernes Zeiten.