Everdina Cornera Alberda van Berum starb im Jahre 1751 in ihrem Stadthaus in Groningen. Schon lange hatte sie nicht mehr in ihrem Schloß gewohnt und dennoch – die Menkemaborg war vollständig eingerichtet, wie der Inventarliste zu entnehmen ist, die der Nachlaßverwalter in jenem Jahr aufstellte. Entsprechend dieser Liste ist der Landsitz heute wieder möbliert, kein Wunder, daß die Menkemaborg eine Touristenattraktion darstellt. Genauso wie das Schlößchen Verhildersum und die Fraeylemaborg: Sie sind die am besten erhaltenen Zeugnisse der Geschichte einer Region an der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Vor allem die Menkemaborg bei Uithuizen ist seit den siebziger Jahren zu einem Publikumsmagneten geworden: Das sorgfältig restaurierte Wasserschlößchen reizt wissenschaftlich Interessierte ebenso wie neugierige Laien, die die unverfälschte Wohnkultur des 18. Jahrhunderts studieren wollen. Der Schloßpark ist als barocker Garten wiederhergestellt. Selbst die Beete für Küchenkräuter beugen sich den Gesetzen der Geometrie. Groninger nutzen das Ferienangebot seit Jahren, Deutsche kommen bislang noch selten in die wasserreiche Region, die mit ihrem hohen Himmel und den weiten Wiesen als typisch holländisch gilt.

Beeindruckend ist auch die Burg Verhildersum bei Leens, die im Stile des 19. Jahrhunderts eingerichtet ist. Dieser Bau ähnelt freilich mehr einer Villa im Wasser als einer Burg. Doch die wehrhafte Vergangenheit läßt sich nicht leugnen. Dicke Mauern säumen die quadratische Insel, zu der eine Klappbrücke den einzigen Zugang vom barocken Park bildet. Wie in der Menkemaborg sind die Kellerräume mit Schießscharten noch sichtlich Teile der Festungsanlage. Am deutlichsten verrät die Fraeylemaborg bei Slochteren ihren kriegerischen Ursprung. Die Räume der Burg zeugen von der Verehrung der Eigentümer für den spätromantischen Maler Gerrit van Houten.

Erst die 1975 gegründete Stiftung "Vrienden Groninger Borgen" hat das bemerkenswerte Trio der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und damit den Blick auf ein Stück europäischer Geschichte gelenkt, das selbst in den Niederlanden nur der Fachwelt näher bekannt ist. Die Groninger Ommelanden haben stets im Schatten der ökonomischen und politischen Mächte in Den Haag und Amsterdam gestanden. Abseits der Weltgeschichte hielt sich hier lange eine Herrschaftsstruktur, um deren Einordnung die Historiker noch heute ringen. Bis mindestens ins 16. Jahrhundert konnte sich keine zentrale Gewalt nachhaltig im Sumpfland und Überschwemmungsgebiet an der nordöstlichen Grenze der Niederlande durchsetzen. Dort waren für Kaiser, Könige und Grafen eher nasse Füße als Reichtümer zu holen. Großbauern nutzten den Spielraum, um lokale Machtverhältnisse aufzubauen. Sie fühlten sich als Landadlige. Doch waren sie eher Dorfpotentaten und wurden von den echten, fürstlich legitimierten Blaublütigen in den Niederlanden auch er.tsprechend behandelt.

Grundbesitz war die ökonomische Basis der Hoofdelinge. Sie ließ sich bis in die Neuzeit durch geschickte Heiratspolitik erhalten und erweitern. Auch ohne Adelsbrief verstanden es die Herren, Macht über ihre Nachbarn auszuüben: Die Rechtsprechung, das Jagdrecht, das Deichwesen und die Vergabe von Ämtern in der (protestantischen) Kirche lagen für den jeweiligen Bereich in den Händen der lokalen Potentaten, Verwaltungs- und Repräsentationsposten übernahmen sie selber. Probleme hatten sie allenfalls mit der Stadt Groningen, die stets das Handelsmonopol über die Ommelanden zu wahren wußte.

Erst im 1815 gegründeten Königreich der Niederlande wurden die Schloßherren in den Ritterstand aufgenommen. Doch da hatten sie ihre faktische Macht längst verloren. Die wenigen noch vorhandenen Junker waren Bürger geworden. Die meisten Familien hatten ihre Burgen bereits im 17. und 18. Jahrhundert abgerissen oder in Sommerhäuser verwandelt. Die einzigen ständigen Bewohner waren die Verwalter: Die Eigentümer lebten zumeist in Groningen. Heute gibt es nur noch 15 von einstmals über hundert Burgen.

Wer in Groningen als Händler oder Advokat reich geworden oder geblieben war, konnte sich unter Umständen sogar den Bau neuer Landhäuser leisten. In einem derartigen Schlößchen logieren heute Touristen: Das Landgut "Ekenstein" an einer Nebenstraße zwischen Delfzijl und Groningen ist Hotel, stilgerecht und komfortabel eingerichtet in einem neugotisch protzigen Herrenhaus. Bedient von aufmerksamen Kellnern, genießen wochentags Geschäftsreisende am Kamin sitzend den Blick in einen englischen Park, der durch seine reiche Vogelwelt begeistert. Am Wochenende kommen die Reisebusse mit den Touristen aus Deutschland. Kaffeepause auf der Schloßterrasse – da fehlt dann allenfalls noch Sonnenschein zum Traum vom Leben des Landadels.