Von Espelkamp haben die meisten Bundesbürger noch nie etwas gehört. Die Kleinstadt im Nordwesten der Republik zwischen Diepholzer Moor und Wiehengebirge ist weder ein touristisches Ausflugsziel noch sonst mit besonderen Attraktionen gesegnet. Eine verschlafene Einkaufsstraße, ein verlassener Bahnhof, mehrstöckige Mietskasernen im typischen Wiederaufbaustil der frühen fünfzigerjahre, gnädig versteckt von einem dichten Baumbestand – das ist schon fast alles. Höchstens Historiker könnten hier etwas Bemerkenswertes entdecken; die Stadt ist eine Neugründung, nach dem Krieg auf den Trümmern einer Munitionsfabrik errichtet, um Flüchtlingen aus dem Osten eine neue Heimat zu schaffen.

Im fernen Kasachstan allerdings, nahe der Grenze zu China, hat der Name Espelkamp einen besonderen Klang. Im zentralasiatischen Teil der Sowjetunion leben heute die meisten der knapp zwei Millionen Rußlanddeutschen. Wer von ihnen einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt hat, kennt meist ein paar entfernte Verwandte in dem nordrheinwestfälischen Städtchen nahe Osnabrück. Mehr als dreitausend Aussiedler haben sich bisher in Espelkamp niedergelassen, die meisten nach dem deutsch-sowjetischen Vertrag von 1970.

Doch seit Gorbatschows Politik die Grenzen noch durchlässiger gemacht hat, stehen die Aussiedlerfamilien vor dem Espelkamper Sozialamt Schlange; 874 Personen meldeten sich allein in diesem Jahr bis Anfang August, und Wilhelm Kukemoor, Leiter der Sozialabteilung, schätzt, daß es bis Ende des Jahres mehr als 1200 sein werden. Mittlerweile wird die Zahl der Notbetten knapp. Die Stadt mit ihren 23 000 Einwohnern leidet unter Platzmangel.

Jacob Klassen hat nach einem halben Jahr immerhin ein Dach über dem Kopf. Mit seiner 44jährigen Frau, zwei Töchtern und zwei Söhnen im schulpflichtigen Alter ist er am 20. November 1987 in die Bundesrepublik gekommen. Genau einundzwanzigmal hatte er einen Antrag gestellt, bis er sich endlich auf die lange Reise von Alma Ata Über Moskau nach Deutschland machen konnte. Jetzt wohnt er in einem der tristen, langgestreckten Siedlungshäuser, Volkswohnungen genannt, die in Espelkamp nach dem Krieg für Vertriebene gebaut wurden. Mit zweieinhalb Zimmern, Küche und Bad gehört die Familie schon zu den Bessergestellten; andere drängen sich zu fünft und mehr auf 20 Quadratmetern. Die Möbel hat Jacob Klassen durch Vermittlung des Sozialamtes günstig gebraucht bekommen – grüne Polster, ein gedrechselter Couchtisch, in der Ecke als einzige Neuanschaffung der Farbfernseher.

In der Sowjetunion oft gehörte Warnungen erscheinen den Klassens bereits jetzt als widerlegte Propaganda: Weder besteht das Fernsehprogramm hier nur aus Sexfilmen, noch die menschliche Umgangsform schlichtweg aus kalter Lieblosigkeit. Selbst der deutsche Beamtenton habe – und das will für Klassens viel heißen – einen freundlichen Klang. Nur mit der Arbeit gebe es Probleme. Jacob Klassen würde gern in seinem erlernten Beruf als Bauingenieur arbeiten; seine Frau Theodore hofft, daß sie als Krankenschwester in einer Arztpraxis unterkommt.

Zehntausend Arbeitsplätze gibt es in Espelkamp, und obwohl die Stadt in der Arbeitslosenstatistik trotz des Aussiedleransturms gut abschneidet, geht unter den Einheimischen die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust um. Fast die Hälfte der Einwohner sind selbst Flüchtlinge oder Vertriebene, doch statt Solidarität mit den Neuankömmlingen regt sich Mißgunst. Ein Leserbriefschreiber forderte vor kurzem in der Lokalzeitung, die Stadt möge doch mal offenlegen, was einem russischen Aussiedler so alles zusteht. "Die kriegen hunderttausend Mark auf die Hand", erzählt man sich in der Stadt, "kaufen sich sofort ein Auto, bauen sich Häuser...."

Stadtdirektor Horst Eller kann über solche Gerüchte nur den Kopf schütteln: "Das ist doch von Fall zu Fall völlig verschieden." In der Tat gibt es Lastenausgleich für verlorengegangenen Besitz, Entschädigungen für Kriegsgefangenschaft, Rentenansprüche, Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. Aber die Rußlanddeutschen, vom Schicksal nicht gerade verwöhnt, mußten haushalten lernen. "Sie sind unendlich sparsam", hat Eller beobachtet, "und sie halten zusammen. Manche haben dann, ruck zuck, ein Haus stehen. Das sieht von außen natürlich wohlgeordnet aus, aber unter Umständen lebt eine Familie im Keller, eine darüber und noch eine auf dem Dachboden."