Liebe Familie, liebe Gäste, meine lieben Kinder. Nicht ohne innere Bewegung wird es mir gelingen, euch beiden Jungvermählten die richtigen Worte mit auf den gemeinsamen Weg zu geben", sprachen bundesweit alle Brautväter am 8.8.88, sollten ihnen die Brautmutter vorsorglich Lehnhoff und Ruges "Fest- und Vereinsreden" (Falken Verlag) unters Kopfkissen gelegt haben. – "Bis heute war die Braut unsere Annemarie, nicht deine, lieber Dieter, wie es vor ein paar Stunden der Standesbeamte und später der Pfarrer kirchlich verkündet hat."

Wie oft an diesem vergangenen Montag der Trauschein unterschrieben wurde? Viel zu oft. Wer wird sein Eheglück schon auf einer Schnapszahl aufbauen wollen? Alle wollten. Kirche und Standesamt mußten Überstunden machen. Doch unserer Annemarie immerhin kamen an diesem 8.8.88 leise Bedenken, während der dritte Redner gerade einen Toast auf die Brauteltern ("du, liebe Elisabeth, bist der geheime Mittelpunkt, sorgst für Ausgleich und Harmonie...") ausbrachte.

"Frauen, die einen interessanten und anstrengenden Beruf haben, schätzen mehr als andere eine Ehe ohne Trauschein", hatte sie bei Meyer und Schulze gelesen, zwei Soziologinnen von der Berliner Technischen Universität, die offenbar nicht geheiratet hatten. Und warum? Auch das wußte Annemarie noch: Frauen "erhoffen sich von dieser Art der Partnerschaft mehr Möglichkeiten, die Arbeit im Haushalt mit dem Partner zu teilen, als in einer traditionellen Ehe". Und tatsächlich gelinge ihnen das auch.

Diese Frauen waren alle viel besser als sie, dachte Annemarie und warf verstohlen einen Blick auf Dieter. Sie erlernten einen interessanten und zudem noch anstrengenden Beruf, nahmen den Konkurrenzdruck der Partner im Büro auf sich, ließen sich vorwerfen, karrieregeil zu sein, ja, verzichteten sogar auf den Trauschein, nur damit ihr Partner einen Teil der Hausarbeit erledigte. Und das war noch nicht mal viel, wie Annemarie aus der Untersuchung wußte: "Betten machen, Wäsche waschen, bügeln und kochen ist aber auch bei den Paaren ohne Trauschein noch ausschließliche Domäne der Frau." Also was taten denn die Kerle? Mal Geschirr spülen, den Staubsauger durch die Wohnung schieben, auch mal einkaufen gehen, die Kinder für ein, zwei Stunden in Schach halten. Und auch das noch schien den Partnern zuviel zu sein. 75 Prozent dieser Männer wollten ihre Partnerin lieber unter Trauschein haben. Annemarie warf einen zweiten Blick auf Dieter. Da saß er, erschöpft aber heiter. – Er war ihr Vierter. Wieviele noch würden seinen Weg gehen müssen?