ZDF, Dienstag, 16. August, 22.10 Uhr: "Südafrikanische Gesichtereine Produktion der Filmwerkstatt VARAN

Das Offensichtliche ist wohl am schwersten zu beschreiben: zum Beispiel Apartheid in Südafrika. Rassentrennung in öffentlichen Parks – zwei Hautfarben, zwei Bänke – das wirkt auf uns Westeuropäer schockierend, und wir geben uns mit dem Gefühl zufrieden, dies sei ungerecht und also zu ändern. Doch es ist ungerecht, Südafrika mit westeuropäischen Augen zu betrachten, vor allem aber: es lehrt nicht viel.

Wie viele Berichte hat man schon gesehen über das Land, die gebannt auf die Rassentrennung starren, ohne sie begreifen zu wollen, die die Verhältnisse im Lande nicht beschreiben können, weil sie nur immer das bestätigt finden, was die Berichterstatter schon vorher wußten. Und würde der sich nicht selbst des Rassismus verdächtig machen, der ohne Schaum vorm Mund zu berichten versuchte? Was der deutsche Fernsehbürger von Südafrika kennt, das sind kaum mehr als ein paar Straßenschlachten. Ist das Land wirklich so uninteressant? Ein seit Jahrzehnten ungelöstes Rassenproblem – aus unserer Sicht ein Makel, doch steckt wirklich nur Stagnation dahinter? Widersprüche, schrieb Hegel, seien am produktivsten, wenn sie ausgehalten würden. Und er schrieb über das dialektische Verhältnis von "Herr und Knecht", daß der eine zwar die Macht, der andere aber das menschliche Selbstbewußtsein habe.

Dieser Film wurde von südafrikanischen Jungfilmern gedreht. Es sind neun Dokumentarepisoden, in denen die in der Tat sehr verschiedenen Lebensbereiche vorgestellt werden, in denen die jungen Leute der gemischtrassigen Filmgruppe VARAN zu Hause sind. Und weil die Filmer dort wirklich zuhause und nicht nur zu Gast sind, wollen ihre Bilder weder denunzieren noch bestätigen, sie fordern Teilnahme. Wir sind beim Wahlkampf in der kleinen Minenstadt Krugersdorp dabei; die konservative Partei hat sich gespalten über die Frage, wie mit den politischen Ansprüchen der Schwarzen, Farbigen und Inder zu verfahren sei. Wir sehen die klapprigen Honoratioren der Stadt bei der Hundertjahrfeier, in recht künstlicher Gelassenheit; nach einem Seitenblick gibt einer der Notablen im Flüsterton zu Protokoll: "Wenn wir unbedingt kämpfen wollen, gibt es für uns keine Zukunft."

Wir sehen Meetings der Schwarzen in Soveto: Spirituals und "Die Zeit ist reif!", und der Revolutions-Prediger kommt beim Reden ins Tanzen – der ganze Saal tanzt, doch es ist kein Kriegstanz, wir sehen Gesichter von Menschen, die schon gesiegt haben. Wir sehen glückliche, gelassene Gesichter von Schwarzen, die lieber in den baufälligen Hütten ihrer Mabetastreet geblieben wären, als in die neuen "Hühnerställe" der Regierung zu ziehen: "Die Häuser waren alt, aber das Leben war phantastisch!" Als südafrikanischer Schwarzer das Leben "phantastisch" finden – darf man denn das?

Wir sehen diesen schwarzen Komiker in einer Poliklinik mit weißem Personal: Die Ärzte amtlich bemüht, einen Krankenbericht zu fertigen, er aber nur darauf aus, sie zum Lachen zu bringen. Und wir sehen diesen schwarzen Halbwüchsigen in einem Waisenheim, dem eine sehr geduldige Weiße den Unterschied zwischen Oval, Kreis und Rechteck beizubringen versucht, bis er ganz einfach einschläft.

Zwei Welten: in der einen herrscht Angst, in der anderen Siegesgewißheit. Das ist die eine Seite der Wahrheit. Die andere kennen wir. Martin Ahrends