Von Hansjakob Stehle

Nicht lieben, sondern kennen müsse man die Moskauer Genossen, so sagte mir ein kommunistischer Kollege an jenem Abend, als beim Empfang auf der Prager Burg der tschechoslowakische Parteichef Dubček arglos und treuherzig mit uns geplaudert hatte. "Polizisten sind keine Argumente – ich will das einfach nicht mehr", versicherte Dubček. Die Prawda hatte ihn gerade aufgefordert, gegen "konterrevolutionäre Umtriebe" einzuschreiten. Er aber glaubte an die Einsicht der sowjetischen Freunde, an den "Sozialismus mit menschlichem Gesicht", sogar an die "herzliche Sympathie", ja den "Beistand", den ihm an diesem 15. August 1968 ausgerechnet der rumänische Diktator Ceauçescu bei seinem Pragbesuch zugesagt hatte. Es war fünf Tage, bevor die Intervention der Roten Armee dem "Prager Frühling" ein Ende machte.

Jetzt, 20 Jahre danach, veröffentlicht Bohumil Simon (68), damals Prager Stadtsekretär und Mitglied des Parteipräsidiums, auf vier Seiten der Unità, der Zeitung der italienischen Kommunisten, bisher unbekannte Einzelheiten der Tragödie. Zwei Unteroffiziere der sowjetischen Marineinfanterie genügten in der Nacht zum 21. August, um den fassungslosen, ohnmächtig abwartenden Dubček, ja die gesamte Führung in der Zentrale der tschechoslowakischen KPT schachmatt zu setzen, bis sie am nächsten Tag ein Oberst in einem Panzerwagen abtransportieren ließ. Am Abend würden sie alle vor ein "Revolutionstribunal" gestellt werden, so wurde ihnen angekündigt, eine neue Regierung sei schon gebildet.

Vier Stunden Warten auf dem Prager Flughafen – "mit dem Kopf zwischen den Knien". Dann plötzlich Abflug und Landung irgendwo in der Karpatho-Ukraine. Sie ahnen noch nicht, daß Staatspräsident Svoboda, der alte General und "Held der Sowjetunion", sich geweigert hat, bei der sowjetischen Putschinszenierung mitzuspielen, daß er der Gegenregierung die Zustimmung versagt und verlangt hat, zusammen mit der verhafteten Führung über einen Ausweg zu verhandeln – in Moskau. Hier treffen sich am 24. August im Kreml alle wieder.

Parteichef Breschnjew versucht zunächst vergebens, die Prager Genossen zu spalten, indem er drei getrennten Gruppen sein "Normalisierungs-"-Diktat unterbreitet. Dann gesteht er ihnen doch zu, vorher gemeinsam zu beraten. Dubček fehlt zunächst; ihm ist in der Toilette schwindelig geworden, er ist gestürzt und blutet am Kopf. Jetzt bittet er die Genossen, seinen Rücktritt anzunehmen, aber alle reden ihm zu, auch Husák: Die Verantwortung für 14 Millionen Menschen gestatte nicht, sich "eigenen Gefühlen zu überlassen".

Fast 48 Stunden dauert das Hin und Her mit den Kremlherren, die ein 15-Punkte-Protokoll durchzusetzen versuchen, das geheim bleiben soll. In Simons Notizen wird jetzt zum ersten Mal der Inhalt zitiert; er klingt weniger radikal als das, was dann in der ČSSR tatsächlich geschah, aber die Liquidierung jeder Liberalität und Eigenständigkeit, die Dauerstationierung der Roten Armee (als "zeitweilig" getarnt) sind abzulesen.

Dubček weigert sich, das Papier zu unterschreiben. "Laß Dir ein Beruhigungsmittel geben, rede nicht, bleib sitzen, und dann reisen wir nach Hause", raten ihm seine Genossen. Und Simon notiert: "Der Leibarzt Präsident Svobodas gibt Dubček eine Spritze, die ihn mindestens 24 Stunden passiv machen soll." Dennoch, als Breschnjew am Tisch sitzt, beginnt Dubček zu sprechen; auf russisch "sagt er die Wahrheit, seine, unsere Wahrheit". Breschnjew erbleicht, springt auf, antwortet tobend, schlägt die Tür hinter sich zu. Präsident Svoboda eilt ihm nach, holt ihn zurück an den Tisch, wo schließlich unterschrieben wird. Am Abend des 26. August 1968 verabschiedet man sich ohne Bruderküsse...

Keine westliche Propaganda habe "bei unseren Leuten" soviel "Ekel am Marxismus-Leninismus erregt", wie das, was in der Tschechoslowakei seit 1968 geschah, schreibt Bohumil Simon bitter im Blatt seiner italienischen Genossen. Diese sagten das damals schon und wollten dennoch auch Kommunisten bleiben.