Was in der Schweiz Ozonalarm auslöst, läßt die Deutschen kalt

Von Lutz Reidt

Es klingt paradox: Viele Ärzte und unzählige Fremdenverkehrsprospekte haben jahrzehntelang ozonreiche Luft als besonders heilsam empfohlen. Das fünfbändige "Reallexikon der Medizin", 1977 in München erschienen, hält fest: Der "Ozongehalt der Luft gilt als Gradmesser der Luftreinheit." Und während alle Medien über die Zerstörung der Ozonschicht, steigende Hautkrebsraten sowie bedrohliche Klimaänderungen berichten, beklagen sich die Schweizer über zuviel Ozon in ihrer Luft, schlagen "Ozonalarm".

Die Warnungen der Aargauer Kantonsärztin Johanna Haber, aber auch der Basler Regierung, waren deutlich: Kinder unter fünf Jahren, Betagte und Asthmatiker sollten während der heißen Sommernachmittage wegen zu hoher Ozonbelastung der Luft möglichst zu Hause bleiben und Anstrengungen vermeiden. An vielen Orten der Nordschweiz, im Waadtland und im Tessin war der von der eidgenössischen Luftreinhalteverordnung empfohlene, aber noch nicht in Kraft gesetzte Grenzwert für Ozon von 60 ppb erheblich überschritten worden, in manchen Fällen um das Doppelte bis Dreifache (ein ppb = "parts per billion" entspricht einem Kubikmillimeter Ozon in einem Kubikmeter Luft).

Augen- und Schleimhautreizungen, Husten, Gefühle der Enge in der Brust und Kopfweh gelten als mögliche Symptome. Professor Hans Urs Wanner vom Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und Präsident der Schweizer Kommission für Lufthygiene zählt sogar Athleten zur Risikogruppe. Sie könnten unter solchen Bedingungen "nicht mehr bedenkenlos Sport treiben", meint er.Die Bevölkerung reagierte besorgt, bei den Beratungsdiensten liefen die Telephone heiß. Mütter wollten wissen, wie gefährdet ihre Kinder sind. Meinrad Schär, ein renommierter Präventivmediziner, wies jedoch darauf hin, daß das Stubenhocken für Kinder dann mindestens zehnmal gefährlicher sei als das Ozon draußen, "wenn zu Hause eine Mutter sitzt, die raucht". Dennoch plädierte er für eine weitere Senkung der Schadstoffgrenzwerte – sonst könne die Luftverschmutzung ein noch ernsteres Problem als der Zigarettenqualm werden.

Da die Hauptverursacher der hohen Ozonwerte und des sogenannten "Sommersmog" Kraftfahrzeuge sind, fragte eine empörte Leserin im Züricher Tages-Anzeiger: "Müssen Kinder zu Hause bleiben, damit Autos weiter die Luft verpesten können?" Vehemente Verfechter des Individualverkehrs behaupten hingegen, alles sei nur Panikmache, um "den Leuten das Autofahren ganz zu vergraulen". Unumstritten ist, daß Ozon ein chemisch äußerst reaktionsfreudiges Gas darstellt, das Pflanzenblätter und sogar Kunststoffe angreift. Es vernichtet Bakterien – und dient deshalb als Desinfektionsmittel. Daher mag auch fälschlicherweise der Ruf stammen, Ozon könne als Gradmesser der Luftreinheit dienen. Die "ozonreiche Waldluft" ist eine Mär – und falls sie besonders ozonhaltig ist, muß der Wanderer mit gereizten Schleimhäuten rechnen.

Auf einem internationalen Ozon-Symposium, das vergangene Woche in Göttingen stattfand, wurden die beiden gegensätzlichen Rollen deutlich, die Ozon in der oberen und unteren Atmosphäre spielt. Im ersten "Obergeschoß", in der Stratosphäre, wo es durch energiereiche Sonnenstrahlung ständig neu entsteht und von anderen Gasen wieder abgebaut wird, findet sich mit 90 Prozent der Löwenanteil des atmosphärischen Ozons. Da es energiereiches Ultraviolettlicht herausfiltert, das Hautkrebs und schwere Pflanzenschäden verursacht, schützt es das Leben auf der Erde. Deshalb sind die meisten Wissenschaftler auch besorgt über eine abnehmende Tendenz des Ozons in der Stratosphäre. Fluorierte Chlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die als Treibgase in der Industrie und – bei uns in jüngster Zeit deutlich abnehmend – in Spraydosen eingesetzt werden, stehen im dringenden Verdacht, die Ozonschicht anzugreifen und für das Ozonloch in der Antarktis verantwortlich zu sein.