Von Jan Knopf

Domingo, mein chilenischer Begleiter, gehört zu den Sozialisten, die nach dem Putsch vom 11. September 1973 festgenommen und deportiert wurden. Im KZ von Pisagua, einer Stadt im Norden Chiles am Pazifik, die heute mit amerikanischem Geld zu einem modernen Badeort ausgebaut wird, hauste er vier Monate lang in einer Zelle, mit neununddreißig weiteren Insassen. Das Verlies war so klein, daß immer nur die Hälfte der Gefangenen schlafen konnte, während sich die anderen stehend an die Wände drückten. Zu essen gab es morgens Tee und trockenes Brot, nachmittags einen Napf voll Bohnen. Für die Angehörigen war Domingo zwei Monate verschollen. Aber er gehört zu den Überlebenden, durfte ins Exil ausreisen. Deutsch lernte er im Ruhrgebiet, wo er als Journalist und Rechtsanwalt arbeitete. Als sich die Verhältnisse in Chile etwas lockerten, kehrte er zurück und arbeitete in der Redaktion der Fortin Mapocho, einer der beiden Oppositionszeitungen des Landes. Aber immer noch lebt er wie auf der Flucht. Nachts legt er sorgfältig Jackett, Hosen und Strümpfe auf seine Bettdecke, griffbereit, so, als erwarte er jeden Moment einen Überfall.

Wir – das sind über zweihundert Gäste aus aller Welt – sind eingeladen zu "Chile crea", zum "Internationalen Kongreß für Kunst, Wissenschaft und Kultur", dem größten kulturellen Ereignis, das seit dem Putsch von 1973 in Chile stattfindet. Eine Woche lang, vom 11. bis 17. Juli treffen sich Künstler und Wissenschaftler auf Hunderten von Veranstaltungen in Santiago und den Provinzen. Das Regime duldet "Chile crea" und nutzt es für sich aus, um Demokratie zu demonstrieren. Sogar die Regierungspresse berichtet über das Treffen, freilich mit hämischen Bemerkungen, daß die "Stars" ausgeblieben sind – erwartet waren ja unter anderem Ernesto Cardenal, Gabriel Garcia Márquez und Geraldine Chaplin.

Die Veranstaltungen, die alle gut besucht sind, finden im Ghetto statt. Es gibt keine wirkliche Öffentlichkeit für "Chile crea". Was im Saal gesagt und in Sprechchören skandiert wird, würde auf der Straße zur sofortigen Verhaftung führen. Chile ist ein Polizeistaat: Das Festival ist nur kulturelles Alibi der oppsitionellen Veranstalter, uns mit dem Alltag Chiles vertraut zu machen.

Santiago, am 11. Juli 1988. Unsere Gastgeber schicken uns zur "Marcha del Hambre", zum Hungermarsch der Menschen aus den Armenghettos, die sich um Santiago herumziehen. In den letzten zwei Jahren sind sie gekommen, eine Million Zuwanderer zu den ohnehin schon vier Millionen Einwohnern der Hauptstadt, in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Nun leben sie in den Wellblechbaracken der Ghettos, die von schwergerüsteten Militärfahrzeugen umkreist werden. Sie essen Brot und Bohneneintopf, den sie uns beim Besuch als Festmahl offerieren. Viele wissen nicht, ob sie überhaupt einen Schlafplatz finden werden. Die Baracken sind überfüllt, werden aber von der Junta großzügig und billigst mit Fernsehgeräten ausgestattet. Mit Krimis und Western versucht sie, die Leute ruhig zu stellen, dazu Propaganda. Und so finden sich selbst unter den armseligsten Chilenen Anhänger des Regimes.

Die "Marcha del Hambre" ist für abends um 6 Uhr angesagt. Die Innenstadt ist voll von Menschen, Autos und Hunderten von Micros -jenen Bussen, die ihre Abgase aus dem Auspuff vom Dach blasen. Santiago versinkt im Smog wie jeden Tag. Die Nacht bricht schnell herein, in Chile ist Winter. Wir haben Anweisung, keine Gruppen zu bilden, Wege nicht zweimal zu gehen und uns keinesfalls an der Demonstration zu beteiligen. Ich gehe mit Domingo. Die Straßenverkäufer haben ihre Waren auf den Fußsteigen ausgebreitet.

Alles scheint normal. An einer Straßenkreuzung formiert sich ein spärlicher Zug von Frauen und jungen Männern; sie tragen zwei Spruchbänder. Mehr ist vom Hungermarsch nicht zu sehen, und auf einmal beginnen die Passanten zu rennen. Vor den Geschäften und Hauseinfahrten gehen rasselnd die Eisengitter herab, die Straßenverkäufer retten ihre Ware. Die Straße ist zur Falle geworden. Ruhig weitergehen, sagt Domingo.