ZDF, Mittwoch, 24. August, 22.40 Uhr: "Ohne Zeugen" – Sowjetischer Spielfilm, Regie: Nikita Michalkow

Neun Jahre nach ihrer Scheidung kehrt der Mann zurück in die ehemals gemeinsame Wohnung; er hat noch immer einen Schlüssel und kommt wie ein Einbrecher. Sie ist abgelenkt durch ein Konzert im Fernsehen, er setzt sich leise hin und wartet. Es soll sein wie es früher war, neun Jahre sollen vergessen sein, er will sich zurückschleichen in die Vergangenheit. Nur – als Bittender, als Unterlegener, als Gescheiterter kann er nicht kommen, er hat es anders gelernt. Er ist ein hoher sowjetischer Regierungsbeamter, sein stählerner Charme läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß er seine Forderungen auch durchsetzen kann. Mit dem roten Seidenschal und dem Maßanzug spielt er ihr ein Weilchen Weltmann vor, dann singt er mit rührend erbärmlichem Tenor eine russische Weise. Armer Mann – er balzt mit den Federn eines Kanzleisekretärs.

Jetzt hat er das Mitleid in ihren Augen gesehen und versucht es als krankes Huhn, legt, sich auf den Diwan und leidet; was sie nur veranlaßt, sich wieder ihrem Fernsehkonzert zu widmen. Doch dieser Mann hat nicht gelernt nachzugeben. Plötzlich steht er in seinem alten Pyjama in der Tür und sagt so selbstverständlich wie möglich: Nun komm schon. Armer, gefährlicher Mann – er hat die Wohnungstür verschlossen und den Schlüssel versteckt. Sie kennt ihn lange genug, um die Situation sofort zu erfassen. Der in der Tür ist nahe daran, sich in ein Raubtier zu verwandeln, fehlt nur, daß sie vor Angst kopflos wird und die Rolle des Opfertiers spielt. Er löscht näherkommend eine Lichtquelle nach der anderen, sie will nicht fortrennen, von ihrer Angst wird sie vom Tisch zum Schrank, vom Schrank zum nächsten Lichtschalter geschleudert. Als er sie packt, sind sie am Fenster, draußen rattert ein Zug vorbei, sie hält ihn mit aller Mühe von sich fern und sagt ihm die schmerzliche Wahrheit, wie absurd, wie aussichtslos sein Bemühen ist. Im Licht des vorbeifahrenden Zuges sieht er ihre Augen, sie bitten ihn um Verzeihung. Sie halten aufrecht, was ihm längst abhanden kam, die Achtung vor sich selbst. "Ohne Zeugen" heißt der Film des großen sowjetischen Regisseurs Nikita Michalkow; weil es keine Zeugen gibt für diese Zimmerschlacht um den gemeinsamen Sohn, um ihren neuen Verlobten, der auch beruflich sein Konkurrent ist, droht der Streit immer wieder in Gewalttätigkeit abzugleiten. Stück für Stück schafft diese Frau es dennoch, die Eifersucht, die Einsamkeit des Mannes in Trauer zu verwandeln. Endlich, als der Morgen graut, darf er weinen und verbirgt sich noch mit komischer Scheu vor ihrem Blick, endlich darf er das verlassene Kind sein, das sich anfangs mit diesem überlegenen Grinsen in die Wohnung schlich. Ein Mensch ist geboren, wenn auch nur ein armseliger Halbwüchsiger von sechsundfünfzig Jahren. Und so ganz ohne "Zeugen", ohne ein Drittes wäre das nicht gelungen.

Das Dritte ist ihre Art, auf seine Gewalt zu reagieren. Sie hat wohl Angst, doch sie versteht und sie verzeiht, sie bringt Mitleid für ihn auf, ein Gefühl, das stärker ist als ihr Abscheu. Sie hält ihn sich vom Leib, doch auf eine Weise, die ihn nicht verletzen will und die für ihn um so niederschmetternder ist. Ohne Zeugen – doch das Draußen, die Welt, die ihn hat "aufsteigen" lassen, spielt dennoch mit, selbst hier.

Martin Ahrends