Europa 1815. Napoleon war gestürzt. Fieberhaft wurde vor allem in Wien und in London daran gearbeitet, die napoleonische Ordnung so weit wie irgend möglich wieder rückgängig zu machen. Zu den Hauptbetroffenen gehörten die zähringischen Großherzöge von Baden.

Die Akteure sind bekannt, von Metternich bis Castlereagh. Aber auch spezialisierte Historiker können sich schwer erinnern an den vierten Earl of Stanhope.

Er gehörte zu den Kleinen, die notwendig sind, wo die Großen verhandeln: als Kuriere, als Kundschafter, als Agenten. Unermüdlich reiste er von England nach Wien, von Wien nach Bayern und Baden, auch immer wieder zurück nach England, wo Premierminister William Pitt sein Onkel war. Die Reiserei war mühsam im Zeitalter der Postkutschen. Man kann die Hoffnungen verstehen, die Stanhope in Flugzeuge setzte, von deren Möglichkeiten er schon fünfzig Jahre, ehe der erste Start gelang, fest überzeugt war.

Aber nicht seinen zahlreichen ausgedehnten Reisen, die ihn bis nach Sizilien führten, hat er es zu verdanken, daß er 133 Jahre nach seinem Tod Gegenstand einer gründlich recherchierten und sehr ausführlichen Biographie geworden ist.

Sondern diejenigen, die davon überzeugt sind, daß Kaspar Hauser, der 1812 geborene und 1833 ermordete Sohn von Großherzog Karl und Stephanie Beauharnais, also der legitime Thronerbe Badens war, haben in Lord Stanhope den Drahtzieher entdeckt. Das ist inzwischen doch die Mehrzahl der Hauser-Forscher, und Johannes Mayer, der Autor der Stanhope-Biographie, gehört zu ihnen.

Zwar steht fest, daß Stanhope nicht selber der Mörder war. Auch daß er den Mörder gedungen hat, ist ihm nicht nachzuweisen. Aber daß er heftig in die Sache verwickelt war, erscheint nach Mayers Buch noch wahrscheinlicher als zuvor schon. Das Zeugnis jenes „Advokaten des Königlichen Hofes aus London“, Lord Daniel Alban Durteal, gewinnt neues Gewicht. Der hatte nach Recherchen in Ansbach schon am 11. Oktober 1835 geschrieben: „Ich habe mich fest überzeugt, daß Kaspar Hauser ermordet worden ist. Es ist alles mit Geld bestochen worden. Stanhope hatte kein Geld und lebte von dieser Sache.“ Leo

  • Johannes Mayer: