Von Heinz Josef Herbort
DIE ZEIT: Schon Ihr erster Aufsatz in Ihrer Textsammlung – über die "Punktuelle Musik" – ist von einer, für mich jedenfalls, außergewöhnlichen Präzision in den Formulierungen der Kriterien dieser Ästhetik wie der Technik. An dieser Strenge, dieser Absolutheit Ihrer Aussagen hat sich seither kaum etwas verändert. Woher stammt Ihre Sensibilität für Exaktheit, Ordnung, Genauigkeit?
KARLHEINZ STOCKHAUSEN: Ich denke, wenn ein Musiker, der ja eigentlich schweigen und nur durch seine Musik wirken sollte, Worte benutzt, dann sollten diese Worte so knapp wie möglich beschreiben, was er beobachtet hat und wovon er annimmt, daß die anderen Musiker durch seine Erfahrungen Zeit gewinnen. Wenn ich mich über Akustik äußere oder die Organik der Musik, dann beschreibe ich das wie ein Wissenschaftler. Im Anfang hatte ich durch mein Studium der Phonetik und Kommunikationsforschung bei Professor Meyer-Eppler eine neue Sprache gelernt – er war Linguist und Phonetiker, aber doch primär jemand, der von der Physik und Mathematik herkam. Wenn es heute zunehmend anders ist – man kann das ja Jahr für Jahr beobachten, wie Begriffe hinzukommen und auch die Sprache organischer und flexibler wird –, so liegt das daran, daß die reinen Parameter der Erfahrung, die ich damals gelernt habe, sich erweitert haben. Ich kam schon sehr bald darauf, daß Musik nicht nur in den akustischen Eigenschaften aufgeht, sondern daß alles, was wir über Musik sagen, eigentlich auch eine Aussage über uns selber ist, wie wir Musik wahrnehmen. Also kommt immer mehr hinein, was mit Worten kaum sagbar ist, und insofern hat sich diese physikalische Begriffssprache zunehmend erweitert um eine spirituelle Sprache.