Von Viola Roggenkamp

Du liebes bißchen! Das ist wirklich ein Sauhaufen! Nach 54 Tagen kommt die Akte hier bei mir an. Da hat doch wieder jemand geschlampt." Hanna-Renate Laurien schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch: "Der Bürger wünscht Information, nicht Zuständigkeitserklärungen!" Ihr Gesicht strahlt. Sehr zufrieden, wieder eine Mißlichkeit entdeckt und ausgemerzt zu haben, wirft die Schulsenatorin und Bürgermeisterin von Berlin mit Hand wenige Stichworte hin, Anweisungen auf dem Papierrand, und greift zur nächsten Akte. Sie überfliegt den Inhalt, fügt routinemäßig ein fehlendes Komma ein, sagt, daß sie bei Grammatik und Orthographie keinen Pardon kenne, zuckt die Schultern, meint, das bringe einen natürlich in Verruf, "aber das hilft nichts", und sieht auf: "Ja?"

Dem Schreibtisch der christdemokratischen Politikerin nähern sich wie jeden Morgen der Persönliche Referent Joachim Dannert sowie der Pressesprecher Günter Spanier zur Tagesplanung. Die Herren bleiben zurückhaltend. Ihre Chefin ist nicht nur derartig vielbeschäftigt, daß man ihr mit weiterem gar nicht kommen mag, sie ist auch immer sofort bereit, sich auf neue Fragen, Pläne, Probleme zwingend einzulassen. Meistens fällt ihr dazu noch eine Geschichte ein, die wiederum zu einer anderen Geschichte führt, und während sie selbst ihren Faden nicht verliert ("Ich komme sofort auf Ihren Punkt") und am Ende der Exkursion die an sie gestellte Frage beantwortet, sind ihre Gesprächspartner unterdessen bemüht, die eigenen Gedankengänge einigermaßen sortiert zusammenzuhalten.

Tagesplanung: SFB Berolina möchte in zehn Minuten ein Interview. "Was wollen die?" Wegen der gestrigen heute-Sendung, Thema Aussiedler. "Ah, sehr gut. Wieviel Zeit? Eine Minute?" Sie beugt sich vor und hebt den Zeigefinger: "Daß Aussiedler Leute aus dem Ostblock sind, die Deutsche sind, müssen wir ganz deutlich machen. Ich habe auf meinem Anrufbeantworter zu Hause schon wieder die schlimmsten Beschimpfungen, meist von Alten, gehört. Die Leute hier denken, das sind Ausländer. Aber es sind Deutsche, die in ihre Heimat zurückkehren. Darauf kommt es an." Die beiden Herren nicken unisono und antworten unisono: "Ja, das ist es." Der Pressesprecher notiert sich den Satz. Hanna-Renate Laurien erzählt inzwischen von den Hugenotten und wie es denen damals in Berlin erging.

Der Tagesplan sieht für heute (nur) acht feste Termine vor, an die sich meist auch kurze Interviews mit Journalisten von Funk, Fernsehen und der Tagespresse anschließen. Mittags ist ein deutsch-amerikanisches Volksfest zu eröffnen, am späten Nachmittag wird sie einen Empfang für die Duchess von Glochester im Schloß Charlottenburg geben, eine 87jährige Tante von Queen Elizabeth II; zwei Repräsentationstermine, bei denen Hanna-Renate Laurien als Bürgermeisterin von Berlin den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen vertreten wird.

Das Telephon klingelt: Der Herr vom SFB ist da. "Soll raufkommen." Der junge Mann tritt ein; Sympathisant der Alternativen Liste, flott, strahlend, sicher, versiert, mit schwarzglänzendem Stoppelkopf steuert er auf die Senatorin zu. Man verständigt sich kurz, bevor das Interview live gesendet wird. "Es geht also um die Ausländer", beginnt der Journalist, und auf dieses Stichwort hin heben sich die Augenbrauen der Senatorin: "Aussiedler", korrigiert sie. "Das ist mir ganz wichtig, daß wir das deutlich machen. Es handelt sich um Deutsche, beispielsweise aus der Sowjetunion."

Dem smarten Reporter entgleitet die fröhliche Mimik. Er wittert Unebenheiten: "Können wir das als Letztes nehmen?" – "Ja, gern", stimmt die Taktikerin Laurien zu, die den dramaturgischen Schwerpunkt damit gesetzt hat. Ihre Zufriedenheit macht ihn stutzig, und er beschließt, sie sofort im Interview nach dem Unterschied zwischen Ausländern und Aussiedlern zu fragen. "Wieviel Zeit haben wir?" erkundigt sie sich und fügt hinzu: "Sie wissen ja, bei einer Minute bin ich in 58 Sekunden fertig." Er lächelt. Er weiß es.