Die Anrede der 227 Abgeordneten der Opposition und der 247 der Regierungspartei PRI im mexikanischen Kongreßgebäude sagte alles: "Presuntos diputados" – "mutmaßliche Abgeordnete", hieß es da. Bei der Präsidentschafts- und Parlamentswahl vom 6. Juli war es nicht mit rechten Dingen zugegangen; die Verlierer hatten von massivem Wahlbetrug gesprochen. Nun dürfen sich die Mitglieder des zukünftigen Parlaments bis Ende August selbst bescheinigen, daß sie rechtmäßig gewählt wurden. Dann kann das einschränkende "mutmaßlich" wieder wegfallen.

Zumindest ein Teil der Abgeordneten der Institutionellen Revolutionspartei (PRI) verdient die Beglaubigung nicht. Dieser Überzeugung jedenfalls waren etwa 5000 Demonstranten, die vor der Kongreßhalle am Montag eine Mahnwache antraten. "Sie wollen uns Salinas de Gortari aufzwingen, Cardenas ist der rechtmäßige Präsident", skandierten sie in Sprechchören.

Der linksliberale Cuauthemoc Cardenas, Sohn des legendären mexikanischen Präsidenten Lazaro Cardenas, reist in Mexiko umher und fordert: "Die Wahlergebnisse müssen überprüft werden." Noch immer hält die Regierung 25 000 Wahlakten unter Verschluß. Der schwerreiche Großgrundbesitzer Manuel Clouthier von der konservativen Partei PAN fordert Neuwahlen. Die seit 59 Jahren regierende Institutionelle Revolutionspartei dagegen beansprucht 50,36 Prozent aller Stimmen für sich und behauptet, der Urnengang sei ganz normal gelaufen.

"Selbst wenn der PRI-Kandidat Salinas de Gortari gewonnen haben sollte, politisch hat er die Wahl verloren." So äußern sich nicht nur Diplomaten. Die Staatspartei brauchte Wochen, bis sie sich von ihrem Schock am 6. Juli erholt hatte. Jetzt aber bläst sie zur Gegenoffensive. Eine Fernsehserie, in der der Vater von Cuauthemoc Cardenas auftauchte, wurde abgesetzt. Seit einer Woche werden täglich ganzseitige Anzeigen in den Tageszeitungen veröffentlicht, die beweisen sollen, was kaum jemand in Mexiko glaubt: Die PRI habe gewonnen. Und Carlos Salinas de Gortari verkündete nach wochenlangem Schweigen: "Wir werden der Verarmung Mexikos ein Ende bereiten."

"Wir wollen einen Wechsel", antwortet, von solchen Anstrengungen unbeeindruckt, der 36jährige Manuel Ibarra, ein arbeitsloser Tischler, der am Montag vor dem Kongreß demonstrierte. "Wer glaubt diesen Leuten da oben schon. Mexiko ist so reich. Und uns geht es so schlecht, weil die so viel gestohlen haben. Das sind keine Mexikaner." Sechs Jahre Wirtschaftskrise, in denen die Löhne die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren, haben die Glaubwürdigkeit der Regierungspartei erschüttert.

Kann die PRI den Erosionsprozeß noch stoppen? Zweifelhaft ist auch, ob die Säuberungswelle an der Parteispitze, die der Harvard-Absolvent Salinas de Gortari eingeleitet hat, Erfolg zeitigt. Neuer Generalsekretär wurde Manuel Camacho Solis, dem der Ruf des Technokraten vorauseilt.

Salinas de Gortari war im Wahlkampf mit der Versicherung angetreten, es würden "saubere und transparente Wahlen" abgehalten werden. Diese Behauptung nimmt ihm heute niemand mehr ab. Aber das Wahlkampfversprechen war Ausdruck der Erkenntnis, daß die PRI nicht mehr uneingeschränkt in Mexiko regierte. "Salinas wollte das politische System ändern, um es nicht ändern zu müssen", räsonierte Jorge Gastaneda, Sohn eines ehemaligen mexikanischen Außenministers und Buchautor in der Tageszeitung La Jornada. Die Rechnung ging nicht auf: Salinas de, Gortari, der sechs Jahre als Finanzminister staatliche Großbetriebe privatisierte und nach der Devise "Konkurrenz belebt das Geschäft" frischen Wind in die mexikanische Wirtschaft bringen wollte, mußte feststellen, daß die Mexikaner scharenweise zur Konkurrenz wechselten. Der Schriftsteller Octavio Paz wurde angesichts der überraschenden Entwicklung seinem Vorsatz untreu, sich nicht mehr zu politischen Fragen seines Landes zu äußern. In La Jornada beschrieb er das Dilemma des PRI "Die PRI besteht nicht aus Individuen, sondern aus Verbänden. Gleichzeitig ist die Partei nicht nur Regierung, sondern auch Institution. Wegen des ersten Punkts verwechselt sie sich mit der Gesellschaft, wegen des zweiten Punkts mit dem Staat."