Wer wird nach dem drohenden Sturz Nadschibullahs die Macht in Kabul übernehmen?

Von Gabriele Venzky

Peschawar, im August

Vorsichtig holt der alte Mann goldgelbe Granatäpfel aus dem Korb. Fast zärtlich streichelt er Aprikosen, die wie kleine Pfirsiche aussehen. "Aus Afghanistan", sagt er, "aus dem befreiten Afghanistan", fügt er hinzu. Im Laden nebenan Marmeladengläser mit russischer Beschriftung, weiter oben an der Straße gibt es russische Klimageräte und russische Kühlschränke. "Aus Afghanistan", sagt der Verkäufer.

Von Peschawar, der glühend heißen, staubigen Grenzstadt im wilden Nordwesten Pakistans, ist es nur ein Sprung hinüber nach Afghanistan, 40 Kilometer hinauf den steilen, steinigen Khyberpaß oder über die offene Wüstengrenze rechts und links davon. Afghanistan ist allgegenwärtig in Peschawar: Drei Millionen Flüchtlinge in der Region haben auch die Größe dieser Provinzstadt verdoppelt. Die Sprache, die Stämme, die Bräuche hüben und drüben sind die gleichen. Abenteuerliche Vehikel mit afghanischen Kennzeichen preschen durch die Straßen, die sieben Parteien des afghanischen Widerstands haben hier ihre Hauptquartiere und seit vier Wochen auch ihre wackelige Interimsregierung.

Am Montag war das magische Datum, der 15. August, an dem die Sowjets die Hälfte ihrer Invasionstruppen abgezogen hatten, 50 000 nach sowjetischer Lesart, 60 000 nach Angaben der Mudschaheddin, der "heiligen Krieger" des afghanischen Widerstands. "Nun ist der Schwebezustand beendet. Ab jetzt werden sich die Ereignisse beschleunigen", prophezeit Massoud Khaleli, Sprecher der Jamaat-i-Islami, jener Gruppe, die Kabul in die Zange genommen hat und zu der der bekannteste Held dieses Krieges gehört, Ahmad Shah Massoud, der "Löwe des Panschir". Auch der Student der Politischen Wissenschaften Khaleli ist Kommandant einer Widerstandsgruppe. "Ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr in den Bergen", seit neun Jahren.

Die Mudschaheddin begingen den 15. August mit der Einnahme der nördlichen Stadt Kunduz, der größten bisher eroberten Provinzstadt, mit verstärktem Druck auf die belagerten Städte Kandahar und Jalalabad, die beide nur noch zu kleinen Teilen von den Truppen der Kabuler Regierung gehalten werden, und mit einem Raketenfeuerwerk auf Kabul. Denn die Sowjets sind, wie im Genfer Abkommen vereinbart, pünktlich abgezogen, aus 25 von 30 Provinzen. Ihre restlichen Verbände stehen jetzt nur noch in Herat und entlang der afghanisch-persischen Grenze, 30 000 Mann in und um Kabul, und der Rest sichert die Abzugsroute in Richtung Norden. Der Fall von Kunduz hat den Spekulationen neuen Auftrieb gegeben, die Mudschaheddin würden nun ihre Interimsregierung auf afghanischen Boden verlegen, um größere internationale Anerkennung zu bekommen. Gulbuddin Hekmatyar, Chef der Fundamentalisten-Partei Hezbe Islami, der stärksten und am besten organisierten Widerstandsfraktion, der Mann der Amerikaner und Pakistani, über dessen Organisation drei Viertel der amerikanischen Waffen gelaufen sind, ferner eine Milliarde Dollar – Gulbuddin Hekmatyar weist eine solche Spekulation weit von sich.