Von Dietrich Strothmann

Höher hinaus geht es mit Klaus Matthiesen kaum noch. Oder etwa doch?

Jetzt ist der Minister für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen – seit er in den vergangenen Tagen auf allen Kanälen, allen Wellen, allen Titelseiten der Zeitungen erschien – selbst dem letzten Bäuerlein im tiefsten Allgäutal bekannt: der Mann mit dem blonden Wikingerbart aus Düsseldorf, der sich mit der kriminellen Hormonmafia angelegt hat.

Der immer noch jugendlich wirkende, 47jährige Schimmelreitertyp aus dem hohen Norden, den Ministerpräsident Johannes Rau im Spätherbst 1983 auf Willy Brandts Drängen als Nothelfer in sein Kabinett an den Rhein holte, amtiert oben in einem Hochhaus, mit weitem Blick über Düsseldorf. Über ihm ist nur noch sein Staatssekretär (aus Platzgründen) und danach gleich der Himmel...

Schon 1986 war gemunkelt worden: Matthiesen könnte, sollte Rau tatsächlich zum Kanzler avancieren, Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident werden – bereits nach drei Jahren im Kumpel- und Managerland, als "Importierter" aus dem Flensburgischen noch dazu. Und nun ist er erst recht der Thronanwärter für den Fall der Fälle. Wie er, braungebrannt aus dem Korsika-Urlaub zurückgekehrt, immer wieder vor Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen die raffinierten Methoden der Geldgewinnler dieser gut organisierten, weit verästelten, machtvollen "Hormonmafia" geißelte – das macht ihm an Rhein und Ruhr so schnell keiner nach. Daß er womöglich zu spät auf den Skandal reagiert hat, kreidet ihm in Nordrhein-Westfalen kaum jemand an. Dort gilt er als bestes Pferd im Stall.

Natürlich will der Superminister (8000 Bedienstete) davon nichts hören, nichts wissen. Wenn er, wie vergangenen Sonnabend, die ganze Nacht in seinem Garten herumläuft und sich immer noch einmal fragt, ob er nun die Anweisung zur Notschlachtung der 4000 Kälber des Hormon-Mästers Felix Hying erteilen soll oder nicht; wenn er sich wegen nun drohender Gefahren für Leib und Leben darum Gedanken machen muß, ob er "Bullen" um sich herum braucht, wie sein Privathaus gesichert, seine Familie geschützt werden muß – dann plagen ihn nicht Karrieresorgen, Aufstiegschancen, Laufbahnaussichten.

Auch wer Klaus Matthiesen von früher her kennt, aus der ganz anderen, vergleichsweise stillen Welt der schleswig-holsteinischen Sozialdemokratie, als Gefolgsmann und Nachfolger des "roten Steffen", als glücklosen Gegenspieler, stets nur knapp gescheiterten Herausforderer Gerhard Stoltenbergs, und wer ihn jetzt im hektischen Düsseldorf erlebt, stellt fest: Er ist der alte geblieben. Von sich selber macht er noch immer wenig her. Im Grundsätzlichen, im Kern seiner Überzeugung läßt er nicht mit sich handeln (auch nicht mit sich spaßen). Wenn es hart auf hart geht, ist er nicht nur ein glänzender Redner, der Worte wie Waffen zu gebrauchen weiß. Er bleibt auch bei seiner Sache, fackelt nicht lange, macht keine gefälligen Konzessionen, schließt keine faulen Kompromisse. Er ist aus dem Storm-Land.